Kultur : Der Visionär

Architekt Ralf Schüler, Vater des ICC, ist tot

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Foto: Thilo Rückeis
Foto: Thilo Rückeis

Das Internationale Congress Centrum (ICC), das sich mit seiner silbrig schimmernden Aluminiumhaut wie ein gestrandetes Raumschiff auf einem schmalen Grundstück zwischen Messedamm und Berliner Stadtautobahn erhebt, gleicht eher eine Maschine als einem Haus. Es wirkt wie ein Monument der Technikgläubigkeit. Wirklich? Ralf Schüler, den Architekten des 320 Meter langen, 80 Meter breiten und 40 Meter hohen Superlativ-Gebäudes, brachte schon der Begriff in Rage. „Was heißt denn das, an Technik zu glauben? Technik ist eine unserer Lebensgrundlagen, sie braucht keinen Glauben.“

Das ICC, das er gemeinsam mit seiner Frau Ursulina Schüler- Witte entworfen hat, war Schülers Hauptwerk, er nannte es „unser Kind“. Die Abrisspläne für das 1979 eingeweihte, sanierungsbedürftig gewordene Kongressgebäude hatten ihn verbittert, aber zuletzt wurde das „Kind“ doch gerettet. Den Wettbewerb für das ICC hatten die Schülers gleich nach der Gründung ihres Architektenbüros 1967 gewonnen. Zeitweilig beschäftigten sie 120 Mitarbeiter, die Bauarbeiten verschlangen eine Milliarde D-Mark und machten das als „Panzerkreuzer Protzki“ geschmähte Gebäude zum bis heute teuersten Berliner Nachkriegsprojekt. Aber es setzte auch Maßstäbe, mit seiner schalldämmenden Haus-in-Haus- Konstruktion und der hydraulisch veränderbaren Bestuhlung in Saal 1.

244 realisierte und unrealisierte Bauvorhaben umfasst Schülers Oeuvre. Fast alle waren für Berlin geplant. Genauer gesagt: für West-Berlin, dessen Stadtbild der Mann mit der Fliege wie kaum ein anderer Architekt prägte. Von ihm stammen die U-Bahnhöfe Blisse- und Schlossstraße, das als „Bierpinsel“ bekannte Turmrestaurant in Steglitz und das Denkmal für Rosa Luxemburg am Landwehrkanal, ein schräg aufragender Schriftzug aus Metall. Der Bierpinsel steht leer und gammelt vor sich hin, auch der U-Bahnhof Schlossstraße hat bessere Tage gesehen. Dabei erlebt die in kräftigen Farben schwelgende, mit Baustoffen und Formen spielende Architektur der sechziger und siebziger Jahre unter dem Stichwort Retrofuturismus gerade eine Renaissance. Am Donnerstag ist Ralf Schüler, ein gebürtiger Pankower, gestorben. Er wurde 80 Jahre alt. Christian Schröder

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