Kultur : Der Völker fette Beute

Die Merowinger kommen: ein spektakuläres Ausstellungsprojekt zwischen Russland und Berlin

Bernhard Schulz

Klaus-Dieter Lehmann wirkt nicht nur äußerlich entspannt. Er zeigt sich im Gespräch in seinem Amtszimmer der Villa von der Heydt rundum erleichtert, wie gut die Verhandlungen in Moskau verlaufen sind. Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hat Anfang April die Weichen für ein großes Projekt gestellt, das als Ausstellung so spektakulär wirkt wie als Politikum bemerkenswert.

Im kommenden Jahr soll die Zeit der Merowinger, jenes aus dem heutigen Frankreich stammenden Herrschergeschlechts des 5. bis 8. Jahrhunderts, gezeigt werden – und über die Merowinger hinaus aber auch die Kultur der Hunnen, Goten, Alemannen, Bajuwaren, Franken und Romanen, Ost- und Westgoten, eben aller Völker „der Zeit der Völkerwanderung aus dem riesigen Gebiet zwischen Atlantik und Ural“.

Dies gab die Preußen-Stiftung nach dem Moskauer Treffen bekannt. Für die immer noch dunkle Zeit des frühen Mittelalters dürfte das Projekt erhebliche neue Aufschlüsse bringen. Dafür steht allein schon Wilfried Menghin, der Direktor des Museums für Vor- und Frühgeschichte der Staatlichen Museen Berlin, der einer der wissenschaftlichen Leiter ist. Vor allem aber ist er Hauptleihgeber – freiwillig und unfreiwillig.

Denn die Merowinger-Ausstellung zielt mitten hinein in das Problem der Beutekunst. Große Teile der Berliner Sammlung wurden 1945 von der Roten Armee nach Russland gebracht, wo sie bis heute verblieben – aber nie zu sehen waren. So bedeutet die Merowinger-Ausstellung gleich mehrfach einen Durchbruch. Erstmals werden Bestände „kriegsbedingt verbrachter Kulturgüter“, also von Beutekunst, mit den regulären Beständen ihres Berliner Stammhauses gezeigt; darüber hinaus aber auch mit eigenen Leihgaben von zwei der drei Museen, in denen die Beutekunst versteckt gehalten wird: der Petersburger Eremitage und des Historischen Museums Moskau. Das Moskauer Puschkin-Museum beherbergt lediglich Beutekunstbestände.

Und damit nicht genug: Denn die Bearbeitung – darauf sind Lehmann und Menghin besonders stolz – wird nicht etwa nach Besitzständen, sondern ganz wissenschaftlich nach den verschiedenen geografischen Regionen geordnet. Die russische Seite wird den osteuropäischen Kulturraum zwischen Baltikum und Ural, Berlin den Westen bis an den Atlantik bearbeiten. Beide Seiten werden in die Hand nehmen, was an Objekten vorhanden ist, unabhängig von ihrem derzeitigen, politisch brisanten Standort.

„Wir sind nicht die Verhandler“, wiegelt Lehmann die Frage nach der Abstimmung mit der Bundesregierung ab, „wir wollen nur Mentalitäten ändern.“ Die präsidiale Bescheidenheit hat System. Denn Lehmann weiß allzu gut, dass dogmatisches Auftreten nur unüberwindbare Hürden auftürmt. Was er jetzt betreibt, ist, diese Hürden graduell zu vermindern. Dabei werden die „Essentials“, die noch Kulturstaatsministerin Weiss in Abstimmung mit dem Auswärtigen Amt vorgegeben hatte, vollständig eingehalten: Erstens die Bezeichnung der Objekte mit dem Hinweis – hier – „Kriegsbedingt verbracht. Bis 1945 im Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin“, zweitens die Herkunftsbezeichnung durch die Berliner Inventarnummern und drittens die Dokumentation der deutschen Rechtsauffassung im Katalog.

Dieser Katalog – er wird dreisprachig in Deutschland produziert – wird Vorworte von Kulturstaatsminister Neumann und vom russischen Kulturminister Sokolow enthalten, die die unterschiedlichen – genauer gesagt konträren – Rechtspositionen darlegen. Er wird zudem einen Beitrag der Berliner Museumsmitarbeiterin Marion Bertram zur Sammlungsgeschichte des Berliner Hauses, also einschließlich der Auslagerung im Kriege und des Abtransports in die Sowjetunion, enthalten. Und er wird Beiträge von Wissenschaftlern aller beteiligten Museen enthalten, wobei die Objektbeschreibungen auf die in Berlin erhaltenen Inventare zurückgreifen.

Zu sehen sein wird die Ausstellung zunächst im Februar 2007 im Moskauer Puschkin-Museum, dann ab Juni in der Eremitage; nebenbei den beiden größten Horten beschlagnahmter deutscher Museumsbestände. Nach Deutschland kann die Ausstellung nicht weiterreisen – der deutsche Rechtsanspruch auf Herausgabe der von der Roten Armee beschlagnahmten Güter würde die Rückkehr ebendieser Objekte in die Russische Föderation verbieten. Hier zu Lande wird der Katalog als bleibendes Dokument den Augenschein der Objekte ersetzen müssen.

Dass bei den Vorbereitungen Objekte auch anderer Berliner Museen entdeckt werden konnten – zumal im Historischen Museum Moskau, einem etwas verwunschenen Bau nahe beim Kreml –, deren Standort bislang unbekannt war, unterstreicht die Notwendigkeit kollegialer Zusammenarbeit unterhalb der Regierungsebene aufs nachdrücklichste.

Die wissenschaftliche Brisanz der Ausstellung, darauf macht Menghin aufmerksam, liegt im Aufweis eines einheitlichen europäischen Kulturraums in diesen frühen Jahrhunderten. Die Frage nach Ort und Herkunft der Slawen, für den russischen Nationalismus seit jeher von hoher Bedeutung, verschwimmt im historischen Ungefähr. Andererseits sind die Beziehung zu den germanischen Völkern im Westen und den finno-ugrischen im Norden gut belegt. Hintersinnig heißt die Ausstellung denn auch mit ihrem deutschsprachigen Titel „Merowingerzeit – Europa ohne Grenzen“.

Das Europa ohne Grenzen gibt es im heutigen Kulturverkehr noch nicht. Der von der Preußen-Stiftung verfochtene Ansatz, unter Wahrung der deutschen, vom Völkerrecht gestützten Rechtsauffassung flexibel in der Sache zu handeln und die jahrzehntelang verborgenen Kulturschätze „endlich wieder in den Kreislauf der Wissenschaft zurückzuführen“, wie Lehmann es nennt, verspricht Fortschritt, wo politische Verbesserungen auf unabsehbare Zeit verbaut schienen.

„Wir wissen um die Bedeutung dieser Ausstellung als Türöffner für weitere Vorhaben“, zitiert Lehmann Wladimir Tolstikow vom Puschkin-Museum – einen Verantwortlichen dieses Hardliners unter den russischen Museen. Nach langem Winter deutet sich ein Frühling an.

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