Kultur : Der Vogelfänger

KATJA REISSNER

Das urbane Ambiente der Galerie Deutsche Guggenheim Unter den Linden ist das eine, die absurden Kunst-Coups des Andreas Slominski sind das andere: Sie zeigen sich hier als Gegenwelt, die man gewollt und als Auftragsarbeit ins Haus geholt hat.Die ganze Installation des Künstlers gilt angeblich nur einem Zweck: Vögel zu fangen.

Der Frankfurter Bildhauer, gerade einmal Anfang vierzig, ist ein neuzeitlicher Jäger und Sammler unter den international renommierten Künstlern.Eigensinnig behauptet er seit vielen Jahren, ein Fallensteller zu sein und ein Narr in der Kunst, der den Widerstand des Handwerklichen auf akribische Weise einbezieht und zugleich als vergeblich ausweist.Der mit Teerpappe sorgfältig verkleidete Verschlag, aus dem zahlreiche Schnüre für den Schnappmechanismus der um ihn herum ausgelegten Vogelfallen heraushängen, ist buchstäblich ein Kunstwerk.Es ist von den Zufallsprodukten an Verschlägen und Ställen auf dem Lande weit entfernt, weil eben ästhetisch ausgeklügelt und mit dem Geheimnis einer black box versehen.Der Besucher imaginiert einen Beobachter hinter den Sehschlitzen, Gucklöchern und Fensterklappen, der dort auf den Tod possierlicher Tiere lauert.Nicht Bären fangen will Slominski, sondern sie uns aufbinden, indem er unser Mitleid für gehetzte Kleintiere anfacht und uns in die emotionale Irre führt.

Vögel, Ratten, Marder, Schmetterlinge, Schnecken, alle Arten gehen hier durcheinander, wenn man aufzählt, welchen Tieren Slominski Fallen gewidmt hat; denn eine Ratte und ein Schmetterling gehören nicht in dieselbe Kategorie.Schmetterlinge und eben auch Vögel sind Embleme des Ideellen und Schönen, Ratten hingegen, ebenso wie Fliegen, gelten als lästige Schädlinge und Plage, Überbringer von Schmutz und Unheil auch.So ist es von den Fabeln La Fontaines her über die "Pest" von Camus bis zur "Tierfarm" George Orwells üblich, das menschliche Verhalten, sein Heil und Verhängnis mit den Stellvertretern aus dem Tierreich zu kommentieren.In dieser parallelen Verfremdung ließ sich Gesellschaftskritik stets besonders deutlich fassen.

Doch bei Slominski hat man es nicht mit einem literarischen Beitrag zu tun, sondern mit einer berückend poetischen Installation, etwa in Gestalt der filigranen Vogelbeerzweige, einem weiteren Fallenkorb aus virtuosem Geflecht.Eine Landschaft ist hier entstanden, die als stillgestellte Vignette romantische Sehnsüchte an kreatürliches Alleinsein weckt, nach dem Motto: "Ich und die schimmernde Forelle an der Angel bei Sonnenaufgang".In diesen Fallen lauert das Erhabene, das verlockend schön ist und doch jederzeit ins Bedrohliche umschlagen kann.Auch nistet hier das Spielerische von Kunstmaschinen, das bei Betätigung ins Lächerliche kippen mag.

Also ist er wiederaufgenommen, der ewig alte Diskurs: Darf die Kunst schön sein oder muß sie sich grausam geben, um überhaupt zu wirken? Wie entgeht sie dem Kitsch und dem Pathos? Duchamp, das objet trouvé, ein bißchen Tinguely und sehr viel mehr Beuys stecken in Slominskis black box.Gerade letzterer ließ eine ganz eigentümliche Naturmythologie in seinem Werk mitlaufen - doch ohne Ironisierung, während Slominski den absurd-ironischen Akt immer einkalkuliert, wobei der Aufwand im umgekehrten Verhältnis zur Wirkung steht.

Wäre Slominski nicht Künstler und würde im Ausstellungsbetrieb nicht akzeptiert, daß er immer neue Fallen stellt, so wäre er ein kabarettistischer Spezialist für Rohrkrepierer.Es gibt sie tatsächlich.So wurde eine Wasserleitung bis zur Mitte des Museumsshops montiert, damit ein dort plazierter Eimer mit Wasser gefüllt werden konnte, um anschließend die Leitung wieder abzubauen.Ein netter Gag - doch Andreas Slominski muß achtgeben, daß er nicht mit kleinkünstlerischen Scherzen das Geheimnis seiner Kunst preisgibt.

Deutsche Guggenheim Berlin, Unter den Linden 13-15, bis 9.Mai.Katalog 39 DM.

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