Kultur : Der Volksheld und die Priesterin

KAI MÜLLER

Eine Klangwolke wie ein Bienenstock.Neun Musiker sitzen im Kreis und frickeln planlos herum, weil sie darauf warten, daß jemand das Kommando übernimmt.Sie unterhalten sich in mindestens vier Sprachen: deutsch die einen, griechisch oder türkisch die anderen und, wenn es an alle gerichtet ist, englisch.Andauernd klingelt irgendwo ein Handy.Auf dem Fußboden des kurzfristig in einen Probenraum verwandelten Mönchengladbacher Kabaretts liegen orientalische Instrumente, Notenblätter, Koffer und Reisetaschen.

Etwas abseits stehen zwei leere Stühle, davor zwei Mikrophonständer.Sie sind für Maria Farantouri und Zülfü Livaneli bestimmt - der wohl angesehensten griechischen Sängerin und dem gegenwärtig gewiß populärsten türkischen Liedermacher und Komponisten.Eine Griechin und ein Türke.Das ist noch immer nicht selbstverständlich.Aber sie haben dasselbe Schicksal von Despotismus, Verfolgung und Exil erlitten, und sie verbindet der Wunsch, zur Aussöhnung der beiden Völker beizutragen.

Maria Farantouris ist als die ideale Interpretin der Lieder von Mikis Theodorakis weltberühmt geworden.Ihre warme, melodiöse Kontraalt-Stimme und die dramatischen Spannungsbögen sollen den Komponisten veranlaßt haben, sie als seine "Priesterin" auszuwählen.Und tatsächlich glaubte Francois Mitterand in ihr "Hera", die Sonnengöttin, wiedererkennen zu können - "stark, rein und hellwach." Als die Junta 1967 die Macht an sich riß und Theodorakis verhaftet wurde, floh Farantouri nach Paris.Seine stilisierten Lieder sang sie fortan auf Konzerten in aller Welt als Protest-Songs gegen die Militärdiktatur.Die Aufnahmen wurden von BBC und Deutscher Welle auch nach Griechenland ausgestrahlt, so daß die Sängerin bei ihrer Rückkehr 1974 als Symbolfigur des Widerstands gefeiert wurde.Als ich sie frage, ob Singen eine Lebensanschauung ist, lächelt sie: "Mein Junge, wir entstammen einem Land, in dem die Tragödie geboren wurde.Der Grieche singt, wenn er glücklich ist oder einen Freund zu Grabe trägt, wenn er weint oder eine Hochzeit feiert.Der Grieche singt, um zu existieren.Singen ist kein Beruf, sondern ein Pathos." Sie arbeitet mit den Händen und sucht im Raum nach einem passenden Ausdruck.Wenn sie ihn findet, reißt sie die Augen auf wie ein erstauntes Kind, das Mühe hat, seine Erregung zu verbergen.

Die Zusammenarbeit mit Livaneli, die begann, als Farantouri 1976 ein paar Lieder des nach Schweden emigrierten Liedermachers einspielte, sei aus zwei Gründen zustandegekommen: "Ich wollte mich einerseits einem Land öffnen, dessen Nachbar ich war, aber das sich wie auf der anderen Seite des Erdballs befand.Andererseits entdeckte ich in Livanelis Liedern, was ich bereits bei Theodorakis bewundert hatte." Und sie fügt stolz hinzu: "Ich würde niemals etwas singen, das nicht meinen ästhetischen Vorstellungen entspricht." Sie sagt es mit dem Nachdruck einer großen Diva.Als hätten jemals Zweifel daran bestanden.

Zülfü Livaneli war zu diesem Zeitpunkt bereits ein Volkheld.Seiner Herkunft nach - sein Vater war Richter beim Obersten Gerichtshof - hätte ihm der Weg in die politische Elite der Türkei jederzeit offengestanden.Doch auch er verdankte seine Popularität dem Exil.Denn als Linksintellektueller und Verleger marxistischer Schriften war er nach dem Militärputsch 1971 aus der Türkei vertrieben worden, aber nicht verstummt.Seine anspruchsvollen Lieder zu Texten von Lorca, Brecht, Eluard oder Nasim Hekmet erfreuten sich, trotz Verbots, großer Beliebtheit."Die Leute schmuggelten sie ins Land und vervielfältigten sie auf Cassetten, so daß sie überall gehört und nachgesungen wurden", erinnert er sich.Livaneli ist ein freundlicher Mann mit offenen, weichen Gesichtszügen, die eine vornehme Zurückhaltung daran hindert, sein Innenleben preiszugeben.Es fällt schwer zu glauben, daß dieser bescheidene und ernsthafte Herr zu einer politischen Integrationsfigur geworden ist, zu dessen Konzert in Ankara eine halbe Million Menschen strömte."Die Türkei hat zwei Seiten", erklärt er."Die eine Seite ist weithin sichtbar und zeigt ein unzivilisiertes Volk mit grausamen Traditionen und Verhaltensweisen.Aber ich sehe die andere Seite des Mondes, die weltoffene, friedfertige, wundervolle Männer und Frauen erkennen läßt.Indem ich zu ihrem Fürsprecher erhebe, möchte ich ihnen Gehör verschaffen.Das wurde, vielleicht unfreiwillig, zu meiner Lebensaufgabe.Die Leute vertrauen mir."

Mit der erneuten Machtergreifung durch die Militärs 1980 wurde Griechenland zur "zweiten Heimat" des Dissidenten.Er wurde durch Theodorakis in die intellektuellen Kreise Athens eingeführt und spielte Platten ein, die in Griechenland sehr erfolgreich wurden.Denn türkische und griechische Musiker müssen auf dieselben byzantinischen Wurzeln zurückgreifen.So beziehen sich Livanelis Stücke auch auf die Rebetika, jene kleinasiatische Volksmusik, die nach dem verlorenen Krieg von griechischen Flüchtlingen aus Westanatolien in die Vorstädte Athens getragen wurde.Rebet ist die Musik der Heimatlosen.Sie bot den Intellektuellen die Möglichkeit, der eigenen politischen Entwurzelung eine traditionelle Dimension zu geben.

Das "Ensemble" spielt in dieser Besetzung zum ersten Mal miteinander.Die eine Hälfte ist auf Wunsch Farantouris angereist, die andere hat Livaneli mitgebracht.Sie bereiten sich auf den Berliner Konzertabend vor.Zunächst sieht es nicht so aus, als würde es ihnen gelingen.Aber schließlich schält sich aus dem wirren Klangchaos ein Lied von betörender Schlichtheit.Was für ein Song ist das? "Das Klagelied einer Mutter, die um ihren verschleppten Sohn trauert." Warum? "Er wollte die Welt verändern."

Maria Farantouri und Zülfü Livaneli treten heute um 20 Uhr im Tempodrom auf

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