Kultur : Der vollendet Unvollendete

Berserker und Genussmensch: Das Berliner Kolbe-Museum würdigt den Bildhauer Werner Stötzer

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„Der Stein macht mich ruhig.“ Werner Stötzer bei der Arbeit, 1992. Foto: Nachlass Werner Stötzer/Sylvia Hagen
„Der Stein macht mich ruhig.“ Werner Stötzer bei der Arbeit, 1992. Foto: Nachlass Werner Stötzer/Sylvia Hagen

Ein Glücksfall ist diese Ausstellung. Und doch kommt sie, so Ursel Berger, Direktorin des Georg-Kolbe-Museums, zu spät. Doppelt verspätet. Denn am 2. April wäre der Bildhauer Werner Stötzer 80 Jahre alt geworden. Ein Jubiläumspräsent sollte die eröffnete Werkschau werden – und eine späte Wiedergutmachung. Schon einmal, vor über 20 Jahren, wollte das Berliner Landesmuseum für Skulptur Stötzers Arbeiten im Westen zeigen. Damals scheiterte das am Einspruch der Ost-Berliner Akademie der Künste. Kulturpolitische Engstirnigkeit zu Mauerzeiten, heute kaum noch begreiflich.

Nun ist zwar die Ausstellung Realität, aber der Künstler erlebt sie nicht mehr. Am 22. Juli 2010 ist Werner Stötzer in Altlangsow im Oderbruch gestorben. Die seit längerem geplante Präsentation wird zur Gedenkausstellung. Alle gezeigten Skulpturen und Zeichnungen dieses unbeirrbaren Individualisten stehen mitten im Leben – und sind zugleich, eingeschlossen wie in einer Zeitkapsel, merkwürdig daraus isoliert.

In Abwandlung einer Sentenz des deutsch-litauischen Dichters Johannes Bobrowski, den er neben Bert Brecht besonders liebte, ließe sich über Stötzers Kunst sagen: Die Funktion der Skulptur ist der Raum, freilich oft am Rand des Schweigens. Das Fragmentarisch-Freiheitliche wird vielleicht am schönsten in jenem Frauentorso deutlich, den Stötzer 1988 „Für Bobrowski“ aus der Marmorsäule einer aufgelassenen Erbbegräbnisstätte geschlagen hat. Zärtlich schälen sich die üppigen Rundungen aus der Begrenzung des Steins, dessen glatte Zylinderform überall sichtbar bleibt. Stötzer, der Berserker und Genussmensch, war zugleich ein behutsamer Handarbeiter.

„Der Stein macht mich ruhig“, bekannte der wortgewaltige und legendär gesellige Künstler einmal. Von der „Tonquetscherei“, wie er das vorbereitende Modellieren für den Bronzeguss nennt, verabschiedet sich der 1931 geborene Thüringer relativ bald nach dem Studium, das er als Meisterschüler von Gustav Seitz an der Ost- Berliner Akademie abschließt. Die Ausstellung, die Stötzers Lebensgefährtin, Bildhauerkollegin und Nachlassverwalterin Sylvia Hagen viel verdankt, fokussiert auf das Eigentliche. Die wenigen frühen Bronzegüsse und Versuche in Holz stehen völlig zu Recht im Schatten der Steinskulpturen aus vier Jahrzehnten. Die Klammer hinter all dem: wunderbar konzise Aktzeichnungen.

Die menschliche, meist weibliche Figur war Stötzers großes Thema, Bildhauer wie die Österreicher Fritz Wotruba und Alfred Hrdlicka Freunde und Vorbilder. Stötzer blieb sich in der Gegenständlichkeit treu und hörte doch nie auf, mit dem Material zu experimentieren. In der Kunst beschritt er einen dritten Weg: nicht nur im Wortsinn steinig, die große Freiheit suchend zwischen der Abstraktion des Westens und dem Sozialistischen Realismus. Ihm hat sich der Künstler früh entzogen, was dann später genug Gelassenheit gab, offizielle Aufträge wie die Reliefwand für das Berliner Marx-Engels-Forum anzunehmen und auch zu meistern.

Im Georg-Kolbe-Museum begegnen wir einem Helden, der nicht zufällig selbst die Parallele zum alten Michelangelo gezogen hat. Zu einem tragischen Künstler, der ins nonfinito letzter Skulpturen seine wichtigste Botschaft legt. Auch Werner Stötzer kämpfte zeitlebens mit der unvollendeten Vollendung. Wolfgang Kohlhaase, Drehbuchautor des Defa- Films „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“, in dem Stötzer mitgespielt hat, erinnert sich an dessen inneren Stachel: „Ich höre auf, hast Du gesagt. Aber ich bin nicht fertig.“

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger

Allee 25, bis 3. April, Di-So 10-18 Uhr,

Begleitbuch 16 €. Filmvorführung von

„Der nackte Mann auf dem Sportplatz“:

27. Februar und 3. April, 11.30 Uhr

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