Kultur : Der Wachmacher - im Kammermusiksaal der Philharmonie

Ulrich Amling

Es gibt Konzerte, deren Programm so reichhaltig ist, dass ihnen das Schicksal aufwendiger Menüfolgen droht: die vorzeitige Sättigung. Allein unter dramaturgischem Aspekt ist Boris Berezovsky mit seinem Klavierrecital im Kammermusiksaal daher ein Kunstwerk gelungen. Mit den Moments Musicaux op. 16 von Sergej Rachmaninow eröffnet der 30-jährige Tschaikowsky-Preisträger eine atemberaubende Folge von feinsten Geschmacksproben, die das Ohr sensibilisieren für die Kunst dieses souveränen Klangregisseurs. Mehr als nur eine Ehrenrettung für Rachmaninows Musik, die Richard Strauss einst als "gefühlvolle Jauche" verumglimpfte und zu der renommierte Musikführer noch immer "nichts näher Charakteristisches zu sagen" haben. Berezovsky aber erfasst den Zauber jedes Moments, fächert mit frei atmender Leichtigkeit auch klanglich dichteste Passagen auf. Subtil trennt er das Licht von der Finsternis und findet für jedes Stück einen Klangraum mit perfekten Proportionen. Melancholie klingt bei ihm nicht nach Mehlschwitze, Sentiment dient nicht als Sättigungsbeilage.

Von derart geweckten Sinnen profitierte Nicolai Medtners deutlich sprödere "Nachtwind"-Sonate, deren epischen Verlauf Berezovsky mit bruchlosen Übergängen zwischen Staccato- und Legato-Abschnitten Leben einhaucht. Dabei kann man nur staunen über die Fähigkeit des Russen, Klänge klar zu fokussieren und dabei stets lakonische Distanz zu selbstverliebtem Virtuosentum zu wahren. Diese Haltung prädestiniert Berezovsky zum idealen Interpreten von Maurice Ravels vielschichtig gebrochenen Valses nobles et sentimentales. Dissonant, direkt, delikat serviert. Darauf folgt Gaspard de la nuit: ein technisch schwerelos flirrender Spuk. Und ein sensationell wacher Zeremonienmeister am Flügel, dessen Klarheit durchrüttelt. Mancher ringt da nach Luft und wünscht sich ein hartes Getränk. Wer es noch immer nicht weiß: "Sonntags um vier - Klavier" ist die derzeit aufregendste Konzertreihe der Stadt.

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