Kultur : Der wahre Blick

Begegnungen mit Imre Kertész

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In den letzten Monaten haben wir das Glück, Imre Kertész in Berlin zu treffen: immer öfter, da Kertész inzwischen auch in Berlin lebt. Der ungarische Schriftsteller, dem es als Überlebenden des Holocaust aufgebürdet wurde, eines der wichtigsten, aufrichtigsten und unerbittlichsten Bücher unserer Zeit schreiben zu können, schreiben zu müssen, dieser großartige Autor ist ein vollendeter Herr, voller Höflichkeit und Rücksicht, leise, unaufdringlich, herzlich – es ist, als ob sich in diesem schicksalsgeprüften Mann sämtliche melancholischen Tugenden der untergegangenen k.u.k.-Welt Österreich-Ungarns versammelt hätten. Gerade er wird wissen, dass die Höllen des 20. Jahrhunderts, schwärzer als alle denkbaren davor, die Kehrseite dieser großzügig widersprüchlichen, zum Scheitern verurteilten Welt „Kakaniens“ sind.

Kertész bringt uns jedes Mal, wenn wir ihn treffen, eine Freundlichkeit entgegen, die froh und stolz macht, und ich beobachte mit Freude, dass auch er sein Glück gefunden hat, ein durch Alter und Krankheit bedrohtes Glück mit seiner Frau, die er hofiert und bewundert, so wie sie voller Herzlichkeit zu ihm aufblickt – ein Paar, das vollkommen wäre, wäre die Welt nicht so schrecklich, wie er sie festgehalten hat.

Sein Jahrhundert-Buch ist der „Roman eines Schicksallosen“. Nach einer bürgerlichen Jugend in Ungarn, deren Verstörungen die „normalen“ sind (der Vater trennt sich von der Mutter), gerät er in eine Maschinerie, die den jüdischen Jungen anonymisieren, vernichten will. Kertész hat einen unerbittlich genauen Blick, wie eine vorher unvorstellbare Mordmaschinerie Menschen für ihre Auslöschung zurichtet; er „beschreibt“ auch das Schrebergarten-Idyll Auschwitz mit jener deutschen Putzigkeit (das Wort kommt auch vom Putzen), die den grässlichen Kontrast zu den Todesmühlen darstellt.

Im kommunistischen Ungarn war sein Buch, das auch eine bürgerliche Resistenz darstellt, unerwünscht. Auch darüber hat er klarsichtig, schonungslos geschrieben. Und in einem kurzen, grandios lakonischen Text hat er festgehalten, wie er auf einer Reise nach Wien die gefährdete Brüchigkeit des Neuen in der alten Bürokratie entdeckt.

Wenn man weiß, was Kertész nicht nur erlebt, sondern auch durchschaut hat, ist man über seine trotzdem lebensfreundliche Umgänglichkeit erstaunt, ja gerührt. Ich wüsste (von seinem Schicksalsgenossen Aleksandar Tisma vielleicht abgesehen) keinen Autor aus den Höllen des 20. Jahrhunderts, der den Nobelpreis mehr verdient hätte. Weil seine Prosa, die niemandem etwas erspart, ein unzerstörbares Zeugnis der Menschlichkeit ist. Hellmuth Karasek

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