Kultur : Der wahre Dmitri

Jörg Königsdorf

Das begreife mal einer: Während der 150. Todestag Robert Schumanns im kleinen Kreis begangen worden ist, wird der 100. Dmitri Schostakowitschs groß gefeiert. In den CD-Läden türmen sich würfelförmige Boxen mit Neu- und Wiederveröffentlichungen von Sinfonien, Konzerten und Filmmusiken, und die Konzertveranstalter trauen sich sogar, reine Schostakowitsch-Streichquartettabende anzusetzen. Mit der in den letzten Jahren geradezu atemberaubend gestiegenen Popularität Schostakowitschs fällt ein Wechsel der Interpreten zusammen. Lag die Deutungshoheit vor allem seiner 15 Sinfonien bislang in den Händen von Interpreten, die die Sowjetherrschaft noch selbst erlebt hatten, ist jetzt eine Dirigentengeneration herangewachsen, die den Kalten Krieg nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Das wirkt sich zwangsläufig auf die Sichtweise der Musik aus. Während die Aufnahmen eines Mrawinsky, Kondrashin, Sanderling und Barshai noch aus Zeitzeugenschaft schöpfen und Satire wie Verzweiflung als unmittelbare Reaktionen auf Schostakowitschs persönliche Bedrohung verstehen, müssen jüngere Dirigenten einen anderen Weg finden. Erst jetzt zeigt sich, welches expressive Potenzial diese Musik jenseits ihres konkreten Zeitbezugs besitzt und welche Sinnschichten unter den musikalischen Schlüsselreizen ihrer Oberfläche verborgen sind. In dieser Woche spiegelt sich dieser Generationskonflikt in zwei Konzerten: Während am Montag ( Philharmonie ) und Dienstag ( Konzerthaus ) der Mittzwanziger Mikko Franck , einer der wichtigsten Vertreter der jungen Dirigentengarde, mit der Staatskapelle seine Einstellung zur Fünften vorstellt, hat das Deutsche Symphonie-Orchester einen der wichtigsten „authentischen“ Schostakowitsch-Interpreten eingeladen: Maxi m Schostakowitsch , der am Samstag und Sonntag in der Philharmonie die letzte Sinfonie seines Vaters dirigiert.

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