Kultur : Der Weegee-Effekt

Die Berliner Galerie Berinson zeigt 77 Vintage-Prints des berühmten Fotografen

Ulrich Clewing

Angeblich erledigt der Fotograf nur seinen Job, aber eigentlich ist er von Grund auf böse. Er arbeitet für Zeitungen, denen er Bilder von Mordopfern verkauft, und wenn der „Tote“ noch nicht tot sein will, dann hilft er auch selber gern ein bisschen nach. Denn in Wahrheit ist er ein durchgeknallter Killer, der noch direkt vor dem eigenen Dahinscheiden nichts anderes im Kopf hat als die Vernichtung seines Gegners.

Immer als Erster am Tatort, immer gleich dort, wo es besonders weh tut – es liegt auf der Hand, dass Sam Mendes, der Regisseur des Films „Road to Perdition“, ein historisches Vorbild vor Augen hatte, als er Jude Law jenen hysterischen Harlen Maguire spielen ließ, der Tom Hanks und seinen Sohn bis ans Ende Amerikas jagt. Was natürlich ungerecht ist: Arthur Fellig, geboren 1899 als Usher Fellig, war selbstverständlich kein wahnsinniger Mörder. Und er, der später als Weegee weltberühmt werden sollte, war auch kein skrupelloser Opportunist, der sich am Leid der anderen bereicherte.

Obwohl er vom Leid der anderen Fotos gemacht hat, und was für welche: Da hat ein Kran einen Krankenwagen am Haken, der in den East River gestürzt war, und daneben zieht gerade jemand die Leiche des Fahrers aus dem Wasser. Lapidarer Titel des Bildes: „Ambulance driven into East River, 24. August 1943“. Auf einem anderen Foto sieht man von oben ein paar Männer in Mänteln und Hüten, einer von ihnen hat eine altmodische Plattenkamera vor sich, zwei Schritte davon entfernt liegt etwas, das man zuerst gar nicht erkennt. Ein unförmiges rundes fleckiges Ding: das Überbleibsel eines Opfers des „Cake Box-Murder“. Bei Bildern wie diesen stellt sich beim Betrachter sofort der Weegee-Effekt ein: der Hinguckzwang, der sich nur mühsam bezähmen lässt. Diese Fotos sind so gnadenlos wirklich, dass man automatisch zum Voyeur wird, selbst wenn man es unbedingt vermeiden will. Man kann nicht anders: Weegees Fotos muss man anschauen, das ging den Menschen schon vor sechzig Jahren so, deshalb war er damit auch so erfolgreich.

Wenn die Galerie Berinson jetzt 77 Vintage-Prints von Weegee präsentiert, dann ist das ein Ereignis, wie es selbst bei Berinson nicht alle Tage vorkommt. Die Bilder stammen aus Henrik Berinsons privater Sammlung und sind vorerst unverkäuflich. Tolle Stücke sind darunter, keine Frage: Wem bislang unklar war, was mit der Bezeichnung Vintage-Print genau gemeint ist, der kann sich hier ein für alle Mal überzeugen, worin der Reiz von Original-Abzügen liegt. Etliche Fotos tragen handschriftliche Vermerke und Notizen, manche sind leicht geknickt und wirken dadurch so authentisch, als hätte sie ihr Urheber eben noch selber in Händen gehalten – wäre da nicht die wunderbare Patina, die dezent und eindrücklich über das wahre Alter dieser Werke Auskunft gibt.

Weegee, der als Kind mit seinen Eltern vom polnischen Zloczow in die USA ausgewandert war, ist vielleicht nicht der erste, aber der bekannteste Kriminalfotograf im 20. Jahrhundert und für Generationen von Nachfolgern stilbildend. Mit 19 bekommt er seinen ersten Job als Fotolaborant, in den zwanziger Jahren fängt er an, als Pressefotograf auszuhelfen. Weegee wird immer dann gerufen, wenn andere nicht mehr mögen, bei Katastrophenfällen oder mitten in der Nacht. 1935 verlässt er seine Agentur Acme Newspictures und machte sich selbstständig. In den folgenden zwölf Jahren entsteht sein Hauptoeuvre: nach eigener Schätzung mehr als fünftausend Fotoreportagen über Mörder und Selbstmörder, über Autocrashs, Hausbrände und andere Unfälle.

Weegees New York ist keine schöne Stadt, sondern brutal, hart und gemein, zynisch und emotionslos. Weegee war immer so nah dran am Geschehen, dass es schmerzt. Da gibt es Bilder wie „Murder at the Fiesta“: Im Vordergrund der Erschossene mit gut sichtbarem Loch im Kopf, dahinter ein paar junge Männer zwischen Neugier und Langeweile, und dann sind da noch die bunten Wimpel an der Leine und der Polizist in Uniform, der seinem blasierten Kollegen in Zivil gerade ein breites, einvernehmliches Lächeln schenkt. Weegee hat das entgegen den Klischees vom abgebrühten Profi nicht kalt gelassen, hin und wieder hat er seine Erschütterung sogar in den Bildtitel aufgenommen: Eine ältere Frau in Agonie, ein junges Mädchen blickt in die Kamera und weint – das Foto heißt „I cried when I took this picture“. Er muss sich oft recht merkwürdig gefühlt haben in seiner Haut, wie er so von Ort zu Ort eilte auf seiner „seltsamen Mission“ (so ein anderer Titel), um den Menschen daheim die Welt da draußen zu erklären.

Und doch war Weegee, der 1968 in New York starb, nicht nur ein begnadeter Journalist, er war einer der bedeutendsten Fotografen seiner Zeit. Das Bild vom Präsidenten Roosevelt etwa, der in Begleitung des New Yorker Bürgermeisters La Guardia und abgeschirmt von Leibwächtern bei Regen im offenen Wagen sitzt, besitzt Pathos und Dramatik einer griechischen Tragödie: der Staatenlenker, beschützt und verletzlich, im Zentrum der Macht, das in diesem Fall ein Auto ist. Eine Ikone, die wie eine Inszenierung wirkt, aber keine ist. Das ist große Kunst.

Galerie Berinson, Auguststraße 22, bis 10. Januar, Dienstag bis Sonnabend 14 – 19 Uhr .

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