Kultur : Der Weg durch Europa ist das Ziel

ELFI KREIS

Manchmal ist der Rahmen interessanter als das eigentliche Bild, die Verpackung aufregender als ihr Inhalt.Das Ausstellungsprojekt des Berliner Künstlers Gerhard Andrées ist so ein Fall.Es trägt den Bandwurmtitel "Transitraum Budapest - Berlin - Maastricht - Amsterdam - Brüssel / Transpositionen der Zeit - Transpositionen des Raumes".Seine seit 1985 entstandenen Malereien, Bilder- und Videoinstallationen sind individuelle, künstlerische Reflexionen zum Themenkomplex des Mauerfalls und zur politischen Umbruchsituation in Mittel- und Osteuropa.Unter dem Titel "Der große Aufbruch" schickte er sie bereits 1992 / 93 auf Wanderschaft durch die neuen Bundesländer.Nun bilden sie den Grundstock für die bis ins Jahr 2001 geplante Ausstellungstournee durch fünf europäische Städte.Erste Ausstellungsstation war im Oktober / November dieses Jahres Budapest.Andrées zeigte seine Arbeiten zeitgleich an drei Orten: im Kiscelli-Museum, im Goethe-Institut und im Center for Culture & Communication.Auf dem Budapester Herbstfestival war dies der einzige deutsche Beitrag im Bereich Bildende Kunst und neben dem Gastspiel der Tanzkompagnie Sasha Walz mit "Straße der Kosmonauten" der einzige Programmpunkt aus Berlin.

Nun zeigt Andrées seine der jeweiligen Station räumlich angepaßte Ausstellung in Berlin.Die Schau in der Großen Orangerie bildet nur den Auftakt.Für kommenden Sommer plant Andrées eine Fortsetzung auf zentralen, historisch bedeutsamen Plätzen im Berliner Stadtraum.Vier fünf Meter hohe Bild- und Videoinstallationen will er auf dem Fundament des Stadtschlosses errichten.Mit seinen Werken sollen Verbindungsachsen das Charlottenburger Schloß, Schloßplatz in Mitte und Pariser Platz vernetzen.Dazu hat er sein Transit-Projekt in der Veranstaltungsreihe Schauplatz Museum und als Programmpunkt des Berliner Museumssommers verankert.Bis zum Jahr 2001 folgen Stationen in Maastricht, Amsterdam und Brüssel.

"Europa" lautet das Zauberwort für das Projekt des 1936 in Mecklenburg Geborenen, der die DDR 1961 verließ und in Wuppertal und Berlin Malerei studierte.Erfolgreich weiß er dies Sesam-öffne-Dich für den grenzüberschreitenden Transfer eigener Werke einzusetzen.Andrées, der im Brotberuf als Ausstellungsorganisator im Bodemuseum für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz arbeitet, tritt als geschickter Promotor seiner Ideen auf.Sein Konzept des "Blick zurück nach vorn" ist mehr als politically correct, es ist politisch hyperkorrekt.Und er verkauft es mit übersprudelnd vitalem Optimismus und ansteckender Euphorie ("Es gibt keine Probleme, nur Lösungen").

Andrées will jüngste Zeitgeschichte mit Zukunftsvisionen verknüpfen, traditionelle mit elektronisch digitalen Medien, jede Ausstellungsstation mit den vorangegangenen und zukünftigen.Das klingt verheißungsvoll.Doch die Werke, die jede MengeDenkanstöße transportieren sollen, entpuppen sich trotz der Leuchtkraft ihrer Farben als arg blaß.Im linken Seitenflügel hat Andrées einen "begehbaren Bilderwald" installiert.Die Gemälde zu Aufbruch und Umbruch verquicken abstrakte Farbbalkenkonstruktionen in wechselnden, oft stürzenden Perspektiven mit expressiv Figürlichem.Andrées scheut nicht vor allerlei Plattheiten zurück: er gipst Marmorbruchstücke als Symbole "kalter Glätte" ein, überarbeitet Ordner und Blätter von Stasi-Akten und funktioniert den Kasten für ein Beuyswerk aus dem Hausmüll Heiner Bastians zum Bildträger um.In der zentralen Eingangsinstallation werden auf einer schräg zum Oberfenster weisende Ebene Fotokopien zu den Montagsdemos und von Wilhelm Bode handbeschriftete Archivmappen zur deutschen Kunstgeschichte übermalt.

Im rechten Seitenflügel sind die Installationen für das Kiscelli-Museum in Ungarns Hauptstadt von Computermonitoren und Filmprojektionen im Raum umringt.Die Videos verquirlen historische Archivbilder vom Mauerfall in Berlin mit Aufnahmen von Andrées zentralen Bildinstallationen für Budapest.Als futuristische, fliegende Kunst-Untertassen läßt er sie virtuell durch die beeindruckende Raumkulisse des Kiscelli-Museums segeln: winziger Lichtblick im beliebigen Bildermix.Die nach Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaute barocke Klosteranlage beherbergt heute die Gemäldegalerie.Zum Abwinken sind die Collagen, mit denen Andrées seine Arbeiten ins Ambiente zukünftiger Ausstellungsstationen projiziert.Sein Projekt ist in seiner politischen Intention gutgemeint.Aber unter formalen, rein künstlerischen Gesichtspunkten bleibt es eine arg dünne Kunstseifenblase - mag sie auch noch so vorbildlich gesamteuropäisch schillern.Schloß Charlottenburg, Große Orangerie, Spandauer Damm 20, bis 26.Januar.Dienstag bis Sonntag 11 - 19 Uhr, 31.Dezember 11 - 15 Uhr.Geschlossen 24., 25.Dezember und 1.Januar.Katalog 25 DM.

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