Kultur : Der Weg ist das Paradies

Fred Wanders große, fast vergessene KZ-Erzählung „DersiebenteBrunnen“

Marius Meller

Was ist der Mensch? Die Frage ganz neu zu stellen, die alte Metaphysik hinter sich lassend, dabei etwas erhoffend, das die Metaphysik ablösen könnte – das war das Projekt von gefährdeten Geistern wie Gottfried Benn und Martin Heidegger. Ersterer begrüßte 1933 die Nazis im Radio, letzterer verkündete in der berüchtigten Rektoratsrede, ebenfalls von 1933, dass der Führer selbst die Regeln des Seins bestimme. Zwar gingen die beiden wenig später auf Distanz. Aber die Dämonen, deren Beschwörung sie unterstützten, waren entfesselt. Die Realität holte ihre allzu tiefen Fragen ein. In der Hölle von Auschwitz zeigte sich, was der Mensch ist.

„Ist das ein Mensch?“ – Das ist der Titel des ersten Erinnerungsbuchs eines Auschwitz-Überlebenden, von Primo Levi, im Herbst 1947 erschienen. Ist das ein Mensch? Das ist die Neufassung der Frage nach dem Menschen – post Auschwitz. Für die Nazis, für die Biologisten ist die Frage entschieden. Das „lebensunwerte Leben“ – das sind keine Menschen. Aus der Perspektive der Verfolgten stellt sich die Frage, ob ihre Peiniger noch Menschen sind. Und ob ihre Mitmenschen in ihrem Leiden noch Menschen sein können. „Man hat ihn belehrt, es seien keine Menschen!“ heißt es in Fred Wanders KZ-Erzählung „Der siebente Brunnen“ über einen Wachposten. Nüchtern. Fast verständnisvoll.

Fred Wanders Buch ist keine Neuerscheinung und doch – auf verhaltene Art – die Sensation dieses Bücherfrühlings. Es erschien 1971 in der DDR, 1972 in der Bundesrepublik. Im Fischer-Taschenbuch-Verlag wurde es später einmal wieder aufgelegt, ist aber schon seit vielen Jahren nicht mehr lieferbar. Dem Wallstein Verlag ist es zu danken, dass es nun mit einem Nachwort von Ruth Klüger wieder verfügbar ist. Dieses Buch darf nicht vergessen werden. Es muss in einem Atemzug mit Primo Levi, Jorge Semprun oder Imre Kertész genannt werden.

Die andere Perspektive, nicht die auf die „Gestiefelten“, wie sie bei Wander heißen, sondern die auf die gequälten Mitgefangenen, steigert sich im „Siebenten Brunnen“ zur Epiphanie: „Ein seltsames Leuchten liegt plötzlich über dem Gesicht, und du erkennst selbst den Freund nicht mehr. So viel Ernst, Sammlung und Würde hast du nie in ihm gesehen. Wie konnte er es verbergen? Aber dann begreifst du: Das Gesicht des Menschen ist Jahrtausende alt ... Zurück bleibt das Gesicht der Väter und Mütter. Der Ausdruck einer großen Mühe, Mensch zu sein.“

Fritz Rosenblatt wurde 1917 in Wien als Sohn armer Juden geboren. 1950 wird sein Familienname amtlich in Wander geändert. „Der Mensch ist nicht gemacht, um im Paradies zu leben. Er ist gemacht, auf dem Weg zu sein ... das ist sein Paradies“, schreibt er später. Jetzt ist Fred Wander fast neunzig, und man erzählt sich, dass er auch heute noch einen gepackten Koffer im Flur stehen hat, mit allem, was man so braucht, um jederzeit aufbrechen zu können. Mit 14 verlässt er Schule und Elternhaus, arbeitet während der Weltwirtschaftskrise als Laufbursche, wird arbeitslos, emigriert 1938 über die Schweiz nach Frankreich. Er ist Gelegenheitsarbeiter, Pferdeknecht, Anstreicher, Straßenbauarbeiter. Vergeblich bemüht er sich um ein Einreisevisum in die USA. 1939 wird er interniert. Flüchtet abenteuerlich in die Schweiz. Wird zurückgeschickt. 1942 deportiert man ihn nach Deutschland. Er überlebt Auschwitz, Buchenwald und einige andere Konzentrationslager. Seine Eltern und seine Schwester sterben in Buchenwald.

Nach dem Krieg tritt Wander in die KP ein, arbeitet als Reporter und Fotograf in Wien. 1955 nimmt er am ersten Jahrgang des Leipziger Literaturinstituts teil, zusammen mit Erich Loest und Ralph Giordano. 1958 übersiedelt er mit seiner Frau Maxi in die DDR. Der bekennende ungläubige Jude tritt 1968 aus der Partei aus, bleibt aber vorerst in der DDR. 1968 stirbt seine und Maxis Tochter durch einen Unfall. 1977 stirbt die Schriftstellerin Maxi Wander an Krebs. 1983 kehrt Wander nach Wien zurück, wo er heute mit seiner zweiten Frau lebt.

„Der siebente Brunnen“, eine Erzählung von knapp 150 Seiten, umfasst in loser, episodischer Folge die Zeit der Internierung in KZs der Deutschen 1942–45. Rückblenden erinnern den Beginn der Internierung in Südfrankreich. Das Buch schließt mit der Befreiung Buchenwalds am 11. April 1945. Der Aufstand kurz vor der Befreiung klingt nur kurz an. Dafür, und weil Wander sein Überleben in einer Kinderbaracke in den Tagen vor der Befreiung schildert, wurde er in der DDR scharf angegriffen. Denn in der antifaschistischen Heldengeschichtsschreibung durfte es nach Bruno Apitz’ Roman „Nackt unter Wölfen“ nur ein überlebendes Kind geben. Christa Wolf erkannte früh den Rang des „Siebenten Brunnens“, und immerhin bekam Wander den Heinrich-Mann-Preis der DDR-Akademie.

Das Buch beginnt als Geschichte über das Erzählen: Mendel Teichmann ist ein Zaddik, ein weiser Mann, und ein Meister in der mündlichen Erzählkunst. Er lehrt den Anfang 20-jährigen Ich-Erzähler die Imagination und den Ausdruck. Eine ganze Reihe von prägnanten Figuren lässt Wander in der Vorstellung des Lesers entstehen, schafft für ihre realen Vorbilder ein Gedächtnis. Pechmann, den Westjuden, der ohne Instrument, den Rhythmus auf ein Holzbrett klopfend, Blues singt. Den türkischen Juden Tschukran. Karel, den zynischen Baracken-Arzt, der viele Menschenleben rettet und viele verlieren muss. Und den begnadeten Jungen Tadeusz Moll, der die Gaskammern kennen lernte und schließlich wegen einer Lappalie hingerichtet wird. Den verwahrlosten, 10-jährigen Joschko, der, kaum der Sprache mächtig, sich wie Josef der Ernährer um seinen Bruder kümmert.

Im zweiten der zwölf Kapitel wird die Frage „Wovon lebt der Mensch“ beantwortet. Nicht mit der nüchternen Brechtschen Wahrheit vom Fressen und der Moral. Sondern: Am Umgang mit der kaum vorhandenen Nahrung zeigt sich der Urgrund und die Bewährungsprobe des Sozialen, des Menschlichen, des Bösen, des Guten und des Gerechten. Die Symbolik des Brotes wird zelebriert: „Und nun das Brot: Teile es in drei dicke Scheiben, die Scheiben in Würfel. Kaue jeden Würfel langsam und sorgfältig. Schmecke das Korn darin, den Regen, den Sturm. Laß den Geschmack der Sonne auf der Zunge zergehen.“ Wovon lebt der Mensch? „Aber davon lebt der Mensch, daß der Traum von seinem verlorenen schönen Leben, von der Freiheit, und von der Reinheit des Herzens nicht ausgeträumt ist!“

Das Bewusstsein vom Holocaust im kulturellen Gedächtnis changiert zwischen der säkularen Interpretation: als singulärem oder wiederholbarem Tiefpunkt der Geschichte der Kulturen – und der bewussten oder unbewussten Theologisierung. Wenn etwa der Papst von Auschwitz als „modernem Golgatha“ redet, oder ultra-orthodoxe Juden von „Gottesstrafe“, dann ist das Böse theologisch systematisiert. Die Holocaust-Literatur verfährt in diesem Koordinatensystem ungleich subtiler: Vom säkularen Blick in den Abgrund bei Primo Levi oder Edgar Hilsenrath bis hin zu der negativen, vielleicht nicht ganz so negativen Dialektik der Nüchternheit bei Imre Kértesz. Fred Wanders Buch könnte man als materialistische Mystik beschreiben. Mehr als einmal leuchtet im „Siebenten Brunnen“ etwas durch die Geschehnisse, durch die Gesichter der ausgemergelten Gestalten, der „Protuberanzen unbeugsamer Lebenskraft“: der Ausdruck einer großen Mühe, Mensch zu sein.

Fred Wander hat in seine Erzählung ein feines zahlensymbolisches Gewebe eingesponnen. Zwölf Kapitel stehen für die zwölf Stämme Israels und für die Totalität der Zeit. Die Sechs taucht wiederholt auf als die Vorstufe zur Sieben, zur vollendeten Schöpfung. Eine zentrale Rolle spielt eine Textstelle vom großen Rabbi Löw: „Und das lautere Wasser des siebenten Brunnen wird dich reinigen, und du wirst durchsichtig werden, selbst der Brunnen, bereit für künftige Geschlechter, auf daß sie entsteigen der Dunkelheit reinen und klaren Auges, das Herz ganz leicht.“

Nach 1945 beerdigte Heidegger in einem berühmten Brief den Humanismus endgültig. Von Fred Wander lernen wir, wie ein Humanismus nach Auschwitz aussehen könnte: Die Erkenntnis der Sinnlosigkeit von Auschwitz bedeutet nicht, dass es der Welt nicht die Augen öffnen kann. Für die nüchternen Blicke. Und eines Tages vielleicht – wenn der Respekt es erlaubt – für die überschwänglichen. In einem Interview sagte Fred Wander vor ein paar Jahren: „Ein Schriftstellerkollege, der auch im KZ war, schrieb: ‚Wir sind Tote auf Urlaub.‘ Genau das ist es. Ich kann mich dank dieser Erfahrung an allem freuen – an einem Stück Kuchen, einem Stück frischem Brot, an einer Blume, einem grünen Baum. Alles Lebendige macht mir Freude, weil ich weiß, daß alles endlich, daß alles vergänglich ist.“ Andere lernten nie wieder, sich zu freuen. Primo Levi nahm sich 1987 das Leben.


Dieses Buch bestellen Fred Wander: Der siebente Brunnen. Roman. Mit einem Nachwort von Ruth Klüger. Wallstein Verlag, Göttingen 2005. 166 Seiten, 19 €.

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