Kultur : Der Weg ist das Spiel

Jan Schulz-Ojala

Schon der Titel. Halbe Treppe ist dort, wo im Treppenhaus das Fenster zum Hof ist und in sehr alten Berliner Mietskasernen das Außenklo. Halbe Treppe ist dort, wo der Mensch die Richtung wechselt, um weiter auf- oder auch abzusteigen. Halbe Treppe ist vom Unten und vom Oben gleich weit weg - gerade da, wo Leute im mittleren Alter sind, in mittleren Positionen oder auch mittlerem Glück. Halbe Treppe ist vielleicht Zwischenaufenthaft, eher aber, wenn wir ehrlich sind, Ziel. Glück, das erreichbare jedenfalls, ist meistens dort: wo man auf halber Treppe ist und sie zugleich nicht fühlt.

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Andreas Dresens Film lässt alle diese metaphorischen Deutungen zu. Und hat - erste wunderbare Stärke - für Leute, die nicht immer gleich herumdeuteln wollen, in Sachen "Halbe Treppe" auch was ganz Bodenständiges in petto. Denn Uwe (Axel Prahl) betreibt auf der halben Treppe eines ziemlich heruntergekommenen Park-Aufgangs in der Innenstadt von Frankfurt/Oder seine Imbissbude mit angebautem Plastikzelt: ein ganz Bodenständiger, einer, der sich und seine Familie am liebsten von Currywurst ernährt und für die Kundschaft schon mal ein Dutzend Eisbeine zu Hause in der Badewanne zwischenlagert. Vollkommen wäre das bodenständige Paradies allerdings erst, wenn auch seine Frau Ellen (Steffi Kühnert) nix gegen Eisbein in der Badewanne einzuwenden hätte.

Aber nicht nur das stört Ellen an Uwe. Sie ist auf der halben Treppe des Lebens mit ihm sowas von stehengeblieben, dass sie abspringt, als sich plötzlich etwas auftut - ein Blick zum Beispiel, in den man stürzen und in dem man sich für ein schönes Vergessen und Anfangen zugleich verlieren kann. Chris (Thorsten Merten), der Mann ihrer besten Freundin Katrin (Gabriela Maria Schmeide) und Morgenmuntermachermoderator bei "Radio 24", dem Sender mit der "Dauer-Power vom Power-Tower" namens Oderturm, hat gerade so klare, blaue, eintauchtiefe Augen. Und auf einmal ist bei den Ehepaaren Uwe-Ellen und Chris-Katrin, die sich seit langem kennen und einander zu Dia-Abenden einladen, nichts mehr wie vorher. Denn Ellen und Chris haben sich verliebt. Sie fahren mit dem Skoda unter die Oderbrücke und später, verwegener noch, rüber nach Slubice ins Halbtagshotel, schlafen miteinander und rufen nachher ganz ausgelassen "Uweee!" Und: "Katriiin!" Und vermissen niemanden. Und bereuen nichts.

Eine sehr gewöhnliche Geschichte von sehr gewöhnlichen Leuten. Und, wenn wir die Mini-Auskünfte abziehen, mit denen jeder der vier Protagonisten sich irgendwann knapp vor einem imaginären Interviewer über das eigene Leben äußert, auch sehr gewöhnlich erzählt. Die Verliebtheit. Das Hochfliegen. Das Auffliegen. Eine Aussprache unter Freunden mit sehr alltagskomischem Irrtumspotenzial. Eine weitere, quälende Aussprache zu viert. Auszugspläne aus Wohnungen. Ausbruchsverhalten auch bei den Opfern ehelicher Untreue. Verzweifelte Zärtlichkeiten zurück ins Nicht-Überwundene. Frauentränen. Männertränen. Und das Nachher: Es kann ein Aus-dem-Raum-Laufen sein oder ein grobstummes Zeichen wie eine Flasche Whisky, hingeknallt auf einen Tisch. Ja, und irgendwann gibt es sogar ein Happyend, sehr gewöhnlich und sehr happy. Aber ganz und gar nicht das, was Sie jetzt gerade denken.

Wie kommt man zu einer so gewöhnlichen Geschichte, bei der dem Zuschauer, weitere fulminante Stärke des Films, manchmal die Luft wegbleibt vor lauter Leben? Ganz einfach: mit den ungewöhnlichsten Mitteln der Welt. Andreas Dresen ist mit winzigem Team und ohne Drehbuch für ein paar Wochen nach Frankfurt/Oder gefahren und hat dort unter anderem das Geld aus dem Deutschen Filmpreis für "Nachtgestalten", schlichte 600 000 Euro, für den bisher besten Film dieser Berlinale auf den Kopf gehauen. Das Mini-Team, komplett zum Einheitslohn tätig, improvisierte die Szenen und trieb die Geschichte gemeinsam voran. Gespart wurde an Technik - DV-Kamera - und formalem Aufwand, keineswegs aber an der visuellen Intelligenz (Kamera: Michael Hammon; Ausstattung: Susanne Hopf). Eine verschworene Dresen-Gemeinschaft: Nur Steffi Kühnert war neu dabei (schönes Kuriosum am Rande: Axel Prahl und Gabriela-Maria Schmeide, diesmal die Verlassenen, waren in Dresens "Polizistin" ein Paar).

Es gibt überhaupt viel zu lachen in "Halbe Treppe". Mag sein, dass die Beteiligten beim Dreh ihren Spaß hatten. Aber den Spaß rühmen viele Teams (meistens schlechter Filme). In "Halbe Treppe" haben sie offenkundig vor allem ihren Ernst gehabt, jenes Gefühl, das sich einstellt, wenn man - gerade gemeinsam mit anderen - neu zu sich selber kommt. So ist der Film nichts Geringeres als ein Abenteuer mit glücklichstmöglichem Ausgang: eine Gemeinschaftsarbeit, für die nicht wie sonst mit fertigem Drehbuch unterm Arm Gelder erbettelt werden mussten, sondern bei der alle ihre äußerste Konzentration und Leichtigkeit zugleich geben konnten. Woher ich das weiß? Man sieht es, in jeder Einstellung.

Nun muss zum exakt bescheiden und perfekt angepeilten Glück nur noch der Goldene Bär hinzukommen. "Halbe Treppe" ist, zumindest unter den deutschen Filmen, der bislang einzige ernsthafte Kandidat - und dazu muss man die rühmenswerten Entstehungsbedingungen keineswegs in Betracht ziehen. Wo Tom Tykwers "Heaven" abhob in den Edelkitsch und Dominik Grafs "Felsen", wie "Halbe Treppe" auf DV gedreht, angestrengt mit wackelnder Kamera jene Authentizität einfordert, die das Drehbuch immer entschiedener verweigert, herrscht bei Dresen die ebenso irdische wie himmlische Ruhe von Leuten, die genau wissen, woher und wohin und warum. Für das Echte gibt es eben keinen Ersatz.

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