Kultur : Der Weg ist das Spiel

Flüchtlingsdrama: Peter Sellars inszeniert „The Children of Herakles“ bei der Ruhr-Triennale

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Von Rüdiger Schaper

Bottrop, Berufsschule. Man könnte sich für das Antiken-Projekt eines berühmten Regisseurs ein kunstvolleres Ambiente denken. Doch Peter Sellars will wohl genau das: einen strikt funktionalen Raum, eine anti-theatrale Atmosphäre, die nicht sogleich die üblichen Kulturbetriebs-Reflexe auslöst. Und was heißt Ruhm, was heißt Tragödie! Der amerikanische Star der Ruhr-Triennale stellt mit seinen „Children of Herakles“ das Politisch-Humanitäre über die Kunst – und es lohnt durchaus, diese Prämisse erst einmal zu akzeptieren. Auch wenn Sellars’ Konzept in seiner rigiden Kunst-Vermeidung schon wieder kokett wirkt.

Die Geschichte der Herakles-Kinder, die nach dem Tod des Helden schutz- und heimatlos durch die Welt irren, liegt außerhalb des klassischen Kanons. Dieser Euripides ist weitgehend unbekannt, wird nie gespielt. Peter Sellars liest den Text buchstäblich als Flüchtlingsdrama: Die Herakliden sind Asylsuchende, mit dem Tod bedroht durch den Tyrannen Eurystheus. Als sie nach Athen fliehen, greift Eurystheus die Stadt mit seiner Armee an. Und unter den Athener Bürgern entflammt eine Debatte über das heilige Gast- und Asylrecht: ob es Wert habe, um der fremden Kinder willen die eigene Existenz aufs Spiel zu setzen. Oder ob man nicht die moralischen Prinzipien aufgeben und die Flüchtlinge dem übermächtigen Aggressor ausliefern soll.

Das steht so alles bei Euripides, es sind die alten Menschheitsfragen, das Drama ist, wie man so sagt, hochaktuell. Aber das genügt Sellars nicht. Ehe noch ein Schauspieler den Mund auftut, kommen andere zu Wort. Gerard Mortier, der Intendant der Ruhr-Triennale, liest aus Büchern des in New York lebenden palästinensischen Intellektuellen Edward Said. Thema: Exil. Dann geht ein kurdischer Buchhändler aus Syrien ans Mikrofon, der in der Bundesrepublik politisches Asyl gefunden hat. Und gegen eine drohende „Betroffenheitsstarre“ im Publikum gibt Herbert Feuerstein, der traurige Clown, ein „Satyrspiel“ – vor dem Drama, wie einst bei den alten Griechen. Und nach den „Children of Herakles“ läuft ein iranisch-japanischer Spielfilm, der von mit afghanischen Flüchtlingskindern erzählt.

Misstraut Peter Sellars dem Theater? Natürlich kann man sagen, das Schauspiel spricht aus und für sich selbst – oder gar nicht. Die merkwürdige Erfahrung ist: Das angestrengte Rahmenprogramm schärft die Sinne. Und sei es nur, dass man den Beginn der Vorstellung heftig herbeisehnt.

Und schmucklos geht es weiter, wenn es denn endlich beginnt; als wär’s ein Lehrstück von Brecht, die fatale „Maßnahme“ womöglich. Die internationalen Griechendarsteller frieren hinter Mikrofonen fest. Liefern Statements ab. Im Business-Anzug, kalt bis unters Herz, verlangt die Unterhändlerin des Eurystheus (Elaine Tse, eine asiatische Amerikanerin) die Herausgabe der Kinder. Die (Amts-)Sprache ist Englisch, der Duktus der Übersetzung korrekt modernistisch. Gott wird als „Allah“ angerufen, die politischen Führer der Griechen heißen „President“. Man mag sich das durchdeklinieren: Eurystheus, Herrscher über Mykene und Argos, könnte George W. Bush sein, Demophon, die Präsidentin der Athener (Brenda Wehle), eine Hochkommissarin der UN. Mit seinem schaumigen Pathos stört nur Jolaus (Uliks Fehmiu, ein Rumäne), alter Weggefährte des Herakles, den diplomatischen Grundton.

Viel lässt sich einwenden gegen Sellars’ umständliche Versuchsanordnung – gegen den laienhaften Chor der Tragödie, der aus dem Publikum eingesprochen wird, gegen die Zurschaustellung der Asylanten-Kinder, die stumm-dekorativ als „Children of Herakles“ auf der Bühne hocken, gegen die Penetranz des Unternehmens, das um seine Message kämpft. Doch wird man, gegen seinen Willen, in das Drama hineingezogen. Man findet über die staubtrockene Argumentation des Gerichtstags zum Gefühl. Auf langen Umwegen entsteht – Empathie.

Das schaffen zwei Frauen. Auf der leeren Bühne, auf einem Podest thront, wie eine orientalische Prinzessin, Ulszhan Baibussynova, Epen-Sängerin aus Kasachstan. Hart schlägt sie die zweisaitige Laute an, kündet mit kehlig-fester Stimme von Leben und Tod. Plötzlich ahnt man, was einmal gemeint war mit epischem Theater. Ihre scharfen rhythmischen Zäsuren fahren wie der Blitz durch Kopf und Glieder. Und wie kann man nicht getroffen sein von der verzweifelten Kraft der Julyana Soelisto: Sie spielt Makaria, Tochter des Herakles, das blutjunge Menschenopfer, auf dass der Verteidigungskrieg der Athener gewonnen werde. Und sie ist Alkmene, die märchenhaft alte, hutzlige Mutter des Herakles, die schließlich die Vernunft über die Rachsucht siegen lässt.

Ein dialektisches Wagestück: Peter Sellars riskiert den größten politischen Kitsch, um zu einer Spielart der Tragödie zu finden, die unsere Distanz beschreibt. Zu den alten Mythen, zum Elend der Welt von heute.

Vorstellungen bis 29. September. Infos: www. ruhrtriennale.de

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