Kultur : Der Weg war das Spiel

Die letzte Premiere: Andrej Worons legendäres Teatr Kreatur verabschiedet sich

Rüdiger Schaper

Das Herz allen Geschichtenerzählens sei die Metapher der Reise, hat Bruce Chatwin einmal gesagt. Und der früh verstorbene Poet, der stets nur auf und über Reisen schrieb (aber keine Reise-Bücher im konventionellen Sinn), fügte hinzu: „Der Akt des Wanderns durch die Wildnis war dazu gedacht, den Menschen zu Gott zurückzuführen.“ Auf diesen Wanderungen, Odysseen, entstanden die Mythen unserer Welt.

Das Herz des Teatr Kreatur schlägt nach diesem Takt der Unruhe. Seit dreizehn Jahren ziehen die untoten Gestalten von der osteuropäisch-jüdisch-slawischen Peripherie, die einmal die Mitte war, über ihre Weltbühne in Kreuzberg. Der polnische Maler, Bühnenbildner, Regisseur Andrej Woron hauchte ihnen Leben ein – eine zauberische, abergläubische, verletzliche Existenz, die sich in einem Dutzend expressiver Spektakel manifestierte. Nun ist das Märchen aus, mit all seiner Mühsal und Poesie, seinen Aufschwüngen und Wiederholungen. Woron wird demnächst in Bremen und Bielefeld inszenieren, die Zukunft der Kreatur-Spielstätte (zum Hebbel-Theater?) ist ungewiss.

Eine melancholische Erfolgsgeschichte: Woron und seine Akteure hielten gegen allen Zeitgeist an ihrer ursprünglichen Welt und der Idee des Ensembles fest, sie haben das Publikum im Sturm erobert und waren die erste und einzige Off-Gruppe, die je zum Berliner Theatertreffen eingeladen war– mit dem „Ende des Armenhauses“ nach Isaak Babel. Es folgten „Ein Stück vom Paradies“, später Kafka, die Merlin-Sage, der „Prophet Ilija“, Tschechows „Möwe“, auch einmal ein lateinamerikanisches Liebes- und Leidensmelodram. Auf dem schmalen Grat zwischen Eden und Elend und immer auf der Suche nach sich selbst sind sie mit ihren Puppen, Kisten und Kasten und wahnwitzigen Apparaten marschiert. Substanzielle Zuwendungen und veritable Räume bekamen sie – Schicksal der freien Theater! – spät, zu spät vielleicht. Denn der große Durchbruch war früh gekommen. Gleich mit der ersten Produktion, den „Zimtläden“ nach Bruno Schulz, war 1990 die Legende des Teatr Kreatur geboren. Zur Wendezeit schien die Neugier auf Osteuropäisches grenzenlos.

Der internationale Triumph der „Zimtläden“ wirkte beflügelnd und beschwerend zugleich. An der herben Schönheit der „Zimtläden“-Expedition wurde Woron fortan gemessen. Versuchte er etwas anderes, wurde er ebenso kritisiert wie für das Beharren auf seiner Handschrift, die den Einfluss des Theater-Übervaters Tadeusz Kantor nie leugnete. Es ist konsequent, aber auch höchst riskant, wenn er zum Schluss zu Bruno Schulz zurückkehrt, dem Visionär aus dem galizischen Drohobicz. Ein Gestapomann hat Schulz 1942 auf der Straße erschossen. Sein Werk blieb grandios schmal: zwei Bände Erzählungen, „Die Zimtläden“ eben und das „Sanatorium zur Todesanzeige“.

Letzte Kreatur-Premiere am Tempelhofer Ufer. Woron hat seine Theaterfamilie noch einmal zusammengeholt: die schöne Danuta Kisiel, den mächtigen Peter Lewan, den schlauen Janusz Cichocki, den treuen Holger Madin und den strahlenden Dzidek Starczynowski, der so oft ein über sich selbst staunender Maitre de plaisir in Worons dunklen Lustbarkeiten war. Die Musik schrieb Janusz Stoklosa, wer sonst, Szenarium und Text erarbeiteten Christoph Klimke und Bernd Ludwig, der hier auch nochmal mitspielt; das Buch, die für dies rituelle, bildertrunkene Theater spielbare Vorlage, bescherte Woron und seinen Leuten stets die schlaflosesten aller schlaflosen Nächte.

Auftritt, Tango! Sie stürmen durch offene Türen und blicken durch leere Fensterrahmen, zackig, verzweifelt, komisch. Sie zwängen sich ein letztes Mal in Schulbänke (Kantors „Tote Klasse“, eine Ikone des modernen Theaters), sie treten zur kasperlhaften Exekution an und löschen imaginäre Feuer, die in ihrer Seele brennen. Sie stecken in ihren dreckig-speckig grauschwarzen Klamotten wie Vergessene eines ewigen Jahrmarkts, sie reißen das große Tor zur Hölle auf – zu ihrem Fundus. Da liegt die „geniale Epoche“, von der Schulz im „Sanatorium zur Todesanzeige“ so animiert ist. Da liegt Worons Werk.

Man hätte sich gewünscht, dass er den Kreaturen zum Finale eine längere Leine gelassen hätte. Aber wer stirbt schon leicht und heiter! So gehen sie mit Parforce – und Zirkusdirektor Woron, ein Meister effektvoller Schlüsse, schickt sie auf Himmelfahrt. Herein schiebt sich ein riesiges bleifarbenes Flugzeug, als wär’s ein Objekt von Anselm Kiefer. Der Rumpf wird mit den Ebenbildpuppen bepackt, auf die Flügel setzten die Kreaturen zerzauste Totenvögel. Und dann entschwebt das gewaltige Ding unter die Decke. Da kann man am Ende nur eine klassische Woron-Redensart zitieren: „Kurwa, genial!“

Vorstellungen: Do. bis So., bis 30. März

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