Kultur : Der Weg zur inneren Einheit

MARTIN WILKENING

An jungen Streichquartetten herrscht momentan kein Mangel, und auch in den Berliner Konzertsälen sind diese Ensembles gut vertreten.Daß nun zu einem der jüngeren Quartette nur so wenig Liebhaber den Weg in den Kammermusiksaal fanden, zeigt eine strukturelle Krise in diesem Bereich, die selbst durch kartenverteilende Sponsoren kaum verdeckt werden kann.

Seit gut einem Jahr spielt das Zehetmair-Quartett nun fest zusammen, eine erste CD ist in Vorbereitung, und für die nächsten Jahre ist der Terminkalender voll - in Berlin wird man sich da mit einem Wiedersehen bis zum Herbst 2000 gedulden müssen.Bedauerlich, weil die Musiker und Musikerinnen um den Geiger Thomas Zehetmair eine Authentizität und eine von realer Gegenwart erfüllte Art des Musikmachens vermitteln, wie sie sich nur im Konzertsaal erleben läßt.Das beginnt beim Auswendigspielen und führt folgerichtig bis hin zu einer Programmgestaltung, die werkübergreifend auf eine innere Einheit verschiedener Kompositionen (hier von Beethoven, Kurtßg und Schumann) verweist.

Das Auswendigspielen ist beim Zehetmair-Quartett keine Attitüde, und es erweckt alles andere als bange Gefühle beim Zuhörer.Es führt die Musik vielmehr in eine solche Präsenz und konzentrierte Entladung von Energien, daß man sofort erkennt: daß diese Vier so musizieren, ist von unbedingter Richtigkeit.Thomas Zehetmair ist dabei primus inter pares, vier ganz eigene Temperamente finden sich zusammen, und vor allem im eindringlichen und beseelten Cellospiel von Françoise Groben gibt es keine Geste, die bedeutungslos bleibt.Im extrem nasalen und starken Klang der Bratsche vollendet sich die Vorstellung eines eher aufgerauten, aus Kontrasten zusammengefügten Quartettklanges.

So begeisternd das Spiel des Zehetmair-Quartetts in seiner Intensität, Erfülltheit und Perfektion auch schon als solches wirkt, ist es doch nie Selbstzweck: Mit perfekt getroffenen Temporelationen in Beethovens "Harfenquartett", genial ausbalanciert zwischen melancholischer Verstörung und ekstatischer Klangpracht, einer klugen Gruppierung der 15 Teile von György Kurtßgs "Officium breve" in seiner unfaßbar traurigen Schönheit und einer Interpretation von Schumanns 3.Quartett, die sich mit ihrer feinen Gestik an Kurtág anschloß, mit den Fugati und den fahlen Klängen an Beethoven, vermittelte dieses Konzert auch konzeptionell Interpretationen von außergewöhnlichem Niveau.

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