Kultur : Der weiße Indianer

Metaphysischer Western: Ron Howards „The Missing“ mit Tommy Lee Jones im Wettbewerb der Berlinale

Peter von Becker

Der Wilde Westen, wo er im Film nicht nur den Mythos des new frontier als Abglanz einer neuen freien Welt beschwört, er wirkt bisweilen wüst und kalt. So ist der Winter die Lieblingsjahreszeit des kritisch gewendeten Genres – im Italowestern und in Hollywood spätestens seit dem Historien-Drama vom „Little Big Man“. Auch Ron Howards „The Missing“, sein erster Film nach dem Oscar-Triumph „A Beautiful Mind“, beginnt in frostiger Einöde, Winter in New Mexico.

Dort kämpft eine stolze Frau als Einödfarmerin und nebenberufliche Heilerin, die den Hinterwäldlern energisch die faulen Zähne zieht oder Angeschossenen die Kugeln aus blutigen Schultern puhlt, ohne Ehemann, aber mit zwei Töchtern und einem angestellten Vormann (ihrem scheuen, spröd begehrten Liebhaber) ums schiere Überleben. Cate Blanchett spielt diese Mrs. Maggie mit einer tollen Kraft. Ein breites, bäurisches, eher nördliches Gesicht, im Gang und Gestus ein halsstarrer Stolz, doch in Momenten der (meist schmerzlichen) Leidenschaft schmilzt die Härte: wie heißes Eis.

„The Missing“ ist zu allererst ein Schauspieler-Film. Kein typischer Landschafts-Western, obwohl ein abgestorbener Winterwald oder ein von Höhlen und reißenden Wassern durchzogener Canyon als dramatische Kulisse dienen. Letztlich geht es um zwei Kämpfe und vier Kämpfer. In die Stille der kleinen Farmerwelt dringt plötzlich ein Fremder ein, ein älterer Mann mit ledergegerbten Zügen und einem indianergleichen schwarzen Zopf. Er bittet um Obdach und etwas Essen, aber Maggie weist ihn erstaunlich schroff zurück.

Der Fremde mit Namen Jones ist freilich kein Indianer. Sondern Maggies Vater, der vor zwanzig Jahren die Familie verlassen, der sie und ihre Mutter in Unglück und Armut gestürzt hat, weil er zu den Apachen ging. Ein nomadischer Aussteiger (der stoisch grandiose Tommy Lee Jones), ein Weißer mit indianischer Seele. Maggie hasst den Alten, schickt ihn am nächsten Morgen fort; und auch ihr Vormann und ein Farmarbeiter reiten weg, um die beiden Töchter Lilly und Dot zum Einkauf in die nächste Provinzstadt zu begleiten. Lilly (Evan Rachel Wood), schon fast erwachsen, sehnt sich nach den Freiheiten einer städtischen Welt mit Kutschen, Seidenkleidern, Saloons und den ersten Grammophons. Während die kleine Dot aus wachen, wissenden Kinderaugen die Konflikte der Älteren beobachtet und sofort die sonderbare Anziehung jenes Fremden spürt, der ihr Großvater sein soll.

Stunden später kehrt nur Dots Pferd zur Farm zurück, und in jäher Vorahnung reitet Maggie mit ihrem Gewehr den Spuren der Vermissten nach. Auf einer ausgebrannten Lichtung findet sie die blutige nackte Leiche des Knechts, über einem verlöschenden Feuer baumelt als grausig eingeschnürtes Fleischpaket ihr Vormann und Liebhaber – allein Dot (die fabelhaft ausstrahlungskräftige kleine Darstellerin Jenna Boyd) hat sich ins Unterholz gerettet und erzählt verstört und tapfer zugleich von einem Überfall fremder Männer, die Lilly entführt haben. Und Maggie weiß: Das war ihr Vater.

Das ist ihr Irrtum. Bald geraten der alte Jones und seine weiß- und kaltblütige Tochter wieder zusammen und nehmen die Verfolgung der Entführer auf: einer Bande von depravierten, aus der US-Army entlassenen Indianern und ein paar weißen Geschäftemachern, die Lilly mit anderen Mädchen zur Prostitution nach Mexiko verkaufen wollen. Ihr Anführer ist kein gewöhnlicher Gangster, vielmehr ein entwurzelter indianischer Schamane: Eric Schweig gibt diesen mörderisch hexerhaften Pesh-Chidin in einer pockennarbigen Monster-Maske als Gegenspieler von Tommy Lee Jones’ ideellem Indianer-Jones.

Pesh-Chidin belegt die Heilerin Maggie mit einem Krankheitsfluch, den Jones mit einem indianisch-christlichen Gegenzauber bricht – ein Kampf auch der Kulturen. Weniger der Religionen, das alles entspringt ja eher dem Naturglauben ans Übernatürliche. Und darum auch: ein metaphysischer Western – in dem Tote zu Geisterreitern werden und Tommy Lee Jones den rettenden Weg durch die blutrote Wüste findet, als er dem Schatten einer mythischen Eule folgt.

Kein richtig großer Film. Denn am vorhersehbaren Ende hat sich der spirituelle Überschuss längst erschöpft und alle Magie ist zur durchsichtigen Masche geworden. Aber unterhaltsam spannend ist er schon, dieser Western, der aus der Kälte kam.

Heute 22.30 Uhr (Berlinale-Palast), morgen 15 und 21 Uhr (Royal)

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