Kultur : Der Wellenreiter

Ein Orakel für das deutsch-französische Verhältnis: Alfred Grosser legt seine Lebensbilanz vor

Hannes Schwenger

Es sei ihm „immer eine Freude“, schreibt Alfred Grosser in seiner Lebensbilanz, „ein Publikum durch eine Bosheit zu provozieren“. Das muss man ihm glauben, zumal selbst seine Rede in der Paulskirche 1975 als Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels von manchen Zuhörern als Provokation verstanden wurde, weil er ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts kritisch kommentiert hatte. Aber war das Bosheit? Ist es eine Bosheit, wenn er Frankreichs Präsidenten Nicolas Sarkozy für sein „königsartiges Verhalten“ kritisiert? Wenn er deutsche Intellektuelle „wehleidig“ findet und als Beispiel den Berliner Akademiepräsidenten Klaus Staeck aufspießt? Oder beklagt, dass unter dem gegenwärtigen Papst viele Katholiken leiden müssen?

Er selbst nennt sich gern einen Moralpädagogen, habe aber damit bei Theologen und Philosophen nur „ein gutmütiges Lachen provoziert“. Dennoch versichert er, dass es ihm damit ernst sei. Dann wären seine sogenannten Bosheiten nichts anderes als pädagogische Provokationen, auch wenn sie nicht immer so verstanden werden. In diesen Tagen ist es das offizielle Israel, das dem – durch die Flucht seiner Eltern nach Frankreich – Überlebenden der Shoah seine Parteinahme für die Leiden der Palästinenser verübelt. Das wird ihn nicht überrascht haben, denn so ergehe es ihm „jedes Mal, wenn ich einem Publikum gegenüberstehe, das einer aus festen Überzeugungen lebenden Gruppe angehört“. In solchen Momenten empfindet er sich als Einzelgänger, auch wenn er das Einzelgängertum in seiner Antwort auf den berühmten Fragebogen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ seinen größten Fehler genannt hat. Seine Lieblingsbeschäftigung hat er dort auch verraten: „Zu einem Publikum sprechen.“ Für ihn ist das kein Widerspruch.

Alfred Grosser beherrscht wie kein anderer Publizist das Wellenreiten im Auf und Ab der politischen Wogen an beiden Ufern des Rheins. In Frankreich schätzt man ihn als Deutschlandkenner, in Deutschland als Orakel für das deutsch-französische Verhältnis. In dieser Rolle war er Dauergast beim „Internationalen Frühschoppen“ Werner Höfers, den er übrigens bei dessen Entlassung – wieder einmal gegen den Strom der öffentlichen Meinung – in Schutz nahm. Auch in der deutschen Presse gibt es zwischen Frankfurt, Hamburg und Berlin kein Blatt, in dem seine Meinung nicht immer gefragt wäre. In Frankreich las man seine Kommentare und politischen Analysen sowohl in „Le Monde“ und dem von ihm mit begründeten „L’Express“, als auch in der katholischen Tageszeitung „La Croix“; dort war er sogar als bekennender Atheist willkommen. Sein Verhältnis zum Katholizismus ist – nicht nur wegen seiner katholischen Ehefrau – ein Kapitel für sich, das er in seiner Lebensbilanz nicht missen möchte, so wenig wie die Freundschaft mit dem deutschen Theologen und Kirchenkritiker Hans Küng. In Frankreich hat er sogar einen Kardinal für dessen Rede vor deutschen Bischöfen beraten; nicht ohne eine kleine Bosheit einzuflechten: Die Übersetzung sei gut, die Rede leider nicht.

Solche klaren Worte zeichnen den Publizisten aus, machen ihn aber als politischen Berater nicht allzu begehrt. Jacques Chirac habe er nur einmal bei einem Deutschlandbesuch beraten, aber der habe „nicht eine einzige Anregung übernommen“. Helmut Schmidt habe ihn immerhin um einen Beitrag zur Vorbereitung seiner Regierungserklärung gebeten, „aber da ich sowieso mit seiner Politik einverstanden war, brauchte er eigentlich meine Vorschläge nicht“. Als Amateurdiplomat sei er ins Fettnäpfchen getreten, als er einen Brief von Konrad Adenauer an Robert Schuman auf direktem Weg überbrachte. Frankreichs Botschafter in Bonn François-Poncet habe ihm die „Einmischung hinter seinem Rücken nie verziehen“. Ein Lehrstuhl für Politologie – 1956 einer der ersten in Frankreich – macht eben noch keinen erfolgreichen Politiker.

Freude hat ihm sein Beruf trotzdem gemacht, auch wenn dieser Wunsch unerfüllt blieb. Sein Buch beschließt er mit einer wahren Hymne an die Freude über das Erlebte und Geleistete – und verbindet sie gut moralpädagogisch mit der Aufgabe, sie mit dem Leiden anderer zu verbinden: „Dies war immer die Grundlage meines Engagements, die mir – fast von Anfang an – viel Freude bereitet hat. Also die Freude, manchmal zu erreichen, dass man die Leiden des anderen anerkennt. Für mich ist gerade diese Anerkennung der wichtigste Grundwert Europas. Die Kroaten sollen das Leiden der Serben anerkennen, die Serben das der Kroaten, die Vertriebenen das der Polen, die Polen das der Vertriebenen.“

Auch damit habe er wieder unbeabsichtigt einen anderen provoziert: „Elie Wiesel hat sich sehr geärgert über die Art, wie ich seine Rede zum Friedensnobelpreis in meinem Buch ,Verbrechen und Erinnerung’ zitiert und kritisiert habe. Er hatte gesagt, er habe nicht verstanden, warum nach Kriegsende nicht die ganze Welt nach Auschwitz geblickt hat. Da mein Buch in dem Jahr geschrieben wurde, in dem Saddam Hussein in kurdischen Dörfern mit Gas massenhaft morden ließ, schrieb ich, die kurdische Frau, die ihr durch Gas getötetes Kind in den Armen hält, habe keinen Grund, nach Auschwitz zu schauen. Aber jeder Überlebende von Auschwitz solle sich des Leidens der kurdischen Frau annehmen.“

In diesem Sinne, beschließt er seine Lebensbilanz, „würde ich gerne weitermachen. So lange hoffe ich auch, die Freude beizubehalten. Bis zum unausweichlichen, nicht erwünschten, aber auch nicht befürchteten Tod“.







– Alfred Grosser:

Die Freude

und der Tod.

Eine Lebensbilanz.

Rowohlt Verlag,

Reinbek 2011.

288 Seiten, 19,95 Euro.

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