Kultur : Der Welt die Note Null

HANS-JÖRG ROTHER

Es wurde ein langer Abend.Zuerst ermunterte Hausherr György Konrßd die Auserwählten, beim Büfett einander kennenzulernen, dann sprach er dem Publikum gut zu, der demokratischen und trotzdem subjektiven Verfahrensweise der Akademie zu vertrauen.Auch der Berliner Märzgefallenen von 1848, um deretwillen der Magistrat 1948 den Kunstpreis gestiftet hatte, gedachte Konrßd.Aber welcher Zusammenhang zwischen selbstbewußtem Bürgersinn und Kunst heute bestehen könnte oder wieder herzustellen wäre, mit diesem Thema wollte der Redner die Gäste nicht belasten, obgleich ein wenig Programmatik der Akademie durchaus anstehen könnte.

Launige, mit ungarischem Akzent gewürzte Ironie versuchte, das ermüdende Vorlesen der Preisbegründungen in ein kleines Erlebnis zu verwandeln.Da saßen die Geehrten nun, nahmen Urkunde und Rose in Empfang, fröhlich gestimmte Künstler: der aus Tel Aviv stammende, nun in Berlin und Brüssel lebende Installationskünstler Eran Schaerf, der italienische Architekt Mario Cucinella, der in Paris auf lichtdurchflutete Gebäude sinnt, der im Ausharren gereifte Außenseiter der ostdeutschen Komponistenszene Christfried Schmidt, der Schweizer Autor Martin R.Dean, der viel über "Monsieur Fume oder das Glück der Vergeßlichkeit" nachgedacht hat, das natürlich im Kollektiv angereiste "tanztheater aus der zeche", in Bochum ein Bahnbrecher für den zeitgenössischen Tanz, die durch "Das Glück meiner Schwester" bekannt gewordene junge Filmregisseurin Angela Schanelec sowie die derzeit in Dresden ansässige, auf die Alltagsästhetik insistierende Malerin Sophia Schama, Trägerin des Will-Grohmann-Preises 1998.

Nur die Trägerin des Hauptpreises, Kira Muratowa, verfolgte die Zeremonie mit unbewegtem Gesicht.Lag es daran, daß sie kein Deutsch versteht und darum auch nicht die Preisrede Hans Joachim Schlegels? Statt ihrer versuchte der ukrainische Botschaftsrat, Punkte für sein Land zu sammeln, angesichts des stets gespannten Verhältnisses der Regisseurin zu den (film-)

staatlichen Behörden ein Witz.Die kurze Plauderei Margarethe von Trottas darüber, unter welchen moskowitischen Umständen sie den Namen der Geehrten zum ersten Mal vernahm, kein Satz zu ihrem Werk, bestärkte den Verdacht, daß in der Akademie nur wenige mit diesen sperrigen Filmen etwas anzufangen wissen.

Doch spätestens die zweite Episode von Kira Muratowas Film "Drei Geschichten", der anschließend in der Akademie gezeigt wurde, ließ einen Funken zwischen Leinwand und Publikum überspringen.Die Szenen sind in Odessa aufgenommen, wo die 1934 im damals zu Rumänien, heute zu Moldawien gehörenden Soroki geborene Preisträgerin ihre vier Spielfilme unglaublich harten Bedingungen abgetrotzt hat.Es ist die Stadt des "Panzerkreuzer Potemkin", doch während Eisenstein das "einfache Volk" in der tragischen Rebellion gegen staatliche Gewalt zeigt, offenbart Kira Muratowas Ophelia, so auch der Titel der Episode, den abgrundtiefen, rituell ausgekosteten Haß einer Zukurzgekommenen."Ich liebe die Menschen nicht.Ich würde der Welt eine Null geben", deklamiert die kalt geschminkte Krankenschwester, bevor sie zur Tat schreitet.

Ihren gnadenlosen Stil wird kaum jemand lieben können, denn er strahlt keine Liebe aus.Aber der Konsequenz dieser millimetergenau austarierten Collagen kann man sich kaum entziehen.Kira Muratowas "Kurze Begegnungen" (1967), "Langer Abschied" (1971), "Das ästhetische Syndrom" (1989) und "Drei Geschichten" gehören zu den ernstesten Herausforderungen der Filmgeschichte.

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