Kultur : Der Weltfremde

Wie Päpste Krieg und Frieden machen – ein Rückblick

Thomas Lackmann

Stalins spöttische Frage, über wie viele Divisionen der Papst verfüge, stellt sich nach dem beschwörenden vatikanischen Friedensappell vom 12. Januar 2003 erneut: Wie verhindert man ohne Armee einen Krieg?

Der Fahneneid in der römischen Armee hieß, ebenso wie der Treueeid der römischen Beamten, sacramentum. Es ist eine theologische Pointe der (Übersetzungs-)Geschichte, dass lateinische Theologen der frühen Kirche zur Umschreibung ihrer Glaubensgeheimnisse ausgerechnet diesen politischen Begriff wählten. Bei den Geheimnissen ihres Glaubens ging es um den ganz großen Frieden auf Erden, darum, wie Himmel und Erde einander finden: um die Mysterien (so nannte das die ältere orientalische Theologie) der Erlösung; um die rituellen Zeichen, durch die Erlösung in Raum und Zeit präsent werden soll. Zur Bezeichnung ihrer Sakramente, unter deren zeichenhafter Verhüllung sie Gott selbst in dieser Welt wirksam glaubten, entschieden sich die Christen des Westens – anstelle der mystischen Vokabel – für das Wort mit der gesellschaftlichen Relevanz. Der Anspruch ihrer Glaubensgemeinschaft auf die Durchdringung der ganzen Wirklichkeit, über das spirituelle Innenleben hinaus, ist in dieser Wortwahl ebenso vorprogrammiert wie der Konflikt mit einem Staat, der die Loyalität seiner Diener – sacra! – mit religiöser Verbindlichkeit auflädt. Auf diesem Hintergrund hat der Friedensappell vor dem diplomatischen Korps im Vatikan eine komplexe Vorgeschichte: Wer entscheidet über Krieg und Frieden?

Mit der Bibel kann man bekanntlich alles, naja, vieles beweisen. Jesus hat seinem Petrus befohlen, das Schwert wieder einzustecken; an anderer Stelle bekräftigt er die Steuerpflicht gegenüber der imperialistischen Besatzungsmacht. So oder so: Mit der gesellschaftlichen Bedeutung des Christentums wächst der politische Einfluss seiner Führer. Papst Leo X. wird im Jahr 452, einer Zeit des Machtvakuums, zum Beschützer Roms und hat dann, freilich nur der Legende nach, Attilas Hunnen von der Eroberung der Ewigen Stadt abgehalten. Gut 650 Jahre später ist sein Nachfolger Urban II. zum Kriegsanstifter geworden: Er ruft zum Kreuzzug auf (um in Byzanz Verbündete gegen den deutschen Kaiser zu gewinnen). In späteren Jahrhunderten werden Päpste als Fürsten des Kirchenstaates selbst, defensiv oder expansiv, zu Kriegsherren, doch mit der Modernisierung martialischer Nationen vermag ihr Regiment nicht Schritt zu halten. „Da donnert schon/das Geschütz (hier gibt`s nicht viele)/und es füllt sich der Balkon“, dichtet 1846, zweieinhalb Jahrzehnte vor dem Ende des Kirchenstaates, zehn Tage vor dem Tod des 80jährigen Gregor XVI., der deutsche Protestant Jacob Burckhardt. „Noch ein Schuß! da schiebt sich langsam/weit hervor der goldne Thron/Angeweht von Pfauenwedeln, und drauf sitzt Sankt Petri Sohn./Alles kniet, die Glocken bimmeln; aufrecht steht der alte Herr,/breitet aus die morschen Arme – /Ach, du fängst die Welt nicht mehr!“

Wie ohnmächtig ist die höchste moralische Instanz? Der Weltkrieg hat begonnen. Während der ersten Schlachten stirbt zu Rom der anerkannt fromme und engagiert antimodernistische Papst, hochbetagt. „Ich würde gern mein Leben opfern, wenn ich dadurch den Frieden Europas erkaufen könnte,“ hatte er geschrieben. Mit fast den gleichen Worten auf den Lippen wird acht Jahre später sein Nachfolger Benedikt XV. sterben, der zwischen 1914 und 1918 in einer speziellen politischen Bredouille steckt: Den Kirchenstaat gibt`s nun mal nicht mehr, der Souvernitätsstatus des Papstes als „Gefangener des Vatikans“ ist ungeklärt, Italien aber befindet sich im Ersten Weltkrieg. Gleichwohl wird das Pontifikat Benedikts XV. bestimmt von permanenten pazifistischen Appellen und Geheimmissionen. Seine erste Enzyklika vom 1. November 1914 beklagt, dass die größen Kulturvölker mit den schrecklichsten Mitteln moderner Technik darum kämpfen, ihre Gegner auf ausgesuchteste, grausamste Weise niederzuringen. „Ich rufe im Namen der gesamten Menschheit um Frieden!“ Ein Handschreiben des Papstes an Wilhelm II. vom Januar 1917 kommentiert der deutsche Kaiser handschriftlich: Der Pontifex und US-Präsident Wilson seien beide gleichermaßen weltfremd. Zwischen der päpstlichen Initiative und dem amerikanischen Vorschlag („Frieden ohne Sieg“) lassen sich tatsächlich Ähnlichkeiten feststellen; das waren Zeiten.

Doch die Machthaber reagieren 1917 nicht anders als am 31. August 1939: Am Tag vor Hitlers Angriff auf Polen erwägt Pius XII., den die deutsche Diplomatie noch im Mai beruhigt hatte, es gebe keine Kriegsgefahr, für einen letzten Vermittlungsversuch nach Berlin und Warschau zu fliegen. Er läßt den Plan fallen – und richtet, immerhin, eine Note an die Vertreter Deutschlands, Italiens, Frankreichs, Englands und Polens: „Der Heilige Vater will die Hoffnung nicht aufgeben, dass die noch schwebenden Verhandlungen eine gerechte, friedliche Lösung, um welche die ganze Welt betet, bringen mögen...“

Frieden fordern und Frieden schaffen ist allerdings nicht dasselbe. Computerbenutzer, die dieser Tage pazifistische Kettenbriefe öffnen und weiterleiten, riskieren höchstens Virenbefall; aber die wenigsten wären wohl bereit, fünf Euro für den Liter Sprit zu zahlen oder Teile ihres Einkommens zur Lösung der sozialen Probleme am Golf und in Israel/Palästina zu investieren. Der Papst spricht gewiss glaubwürdig von einer „Niederlage der Menschheit“ im Falle des Kriegsausbruchs. Aber niemand in der Kurie wird deswegen ernsthaft Beteiligungen der Vatikan-AG an Energieunternehmen oder Rüstungskonzernen (Chrysler-Aktien) überprüfen. Oder erwägen, den Soldaten kriegführender Nationen die Fahnenflucht vorzuschlagen.

Wenn Johannes Paul II. vor einer „Niederlage der Menschheit“ warnt, denkt er christologisch: an die Mysterien der Menschwerdung, an die Verbindung des Himmels mit der Erde. Wo seine Kirche verhindern will, dass der Bomben-Himmel über dem Irak ververnichtend auf die Erde herabgeht, ist der Konflikt mit den Hütern des Fahneneides vorprogramiert. Bislang hat die katholische Kirche sich bei der Unterstützung katholischer Deserteure nicht gerade hervorgetan, im Gegenteil. Natürlich könnten eine Milliarde Katholiken diesen Krieg verhindern. Nur wer von ihnen hört auf den Papst?

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