Kultur : Der Widerspenstigen Lähmung

Christian Schröder

Um die ganze Bandbreite der Schauspielkunst würdigen zu können, die Madonna in ihrem neuen Film Stürmische Liebe an den Tag legt, muss man sich für einen Augenblick einfach nur vorstellen, was sie dabei mit ihrem Gesicht anstellt. Am Anfang verengt sie ihre Augen zu schießschartenartigen Sehschlitzen, stößt ihr Kinn aggressiv nach vorn und bellt dazu Sätze wie: „Man hat mir versprochen, dass es auf diesem Schrottkahn ein Fitnessstudio gibt.“ Später entspannen sich ihre Züge, sie schürzt die Lippen und senkt den Blick, bevor sie artig säuselt: „Danke, Gebieter!“

Madonna I ist eine unausstehliche Zimtzicke, Madonna II ein unterwürfiges Chauvinismus-Opfer. Madonna I wirkt glaubwürdiger. Der Film, inszeniert von Madonnas Ehemann Guy Ritchie, handelt von der Zähmung einer Widerspenstigen. Madonna spielt ein New Yorker Luxus-Weibchen namens Amber Leighton – im wirklichen Leben heißt Ritchies Mutter so –, die mit ihrem Gatten (Bruce Greenwood) und ein paar Freunden eine sonnige Kreuzfahrt im Mittelmeer unternimmt. Sie raucht superdünne Zigarillos und mäkelt an allem herum, vor allem am Essen. Ausgerechnet mit dem von ihr zunächst am meisten gedemütigten Fischer Giuseppe (Adriano Giannini) verschlägt es sie bei einem Schlauchboot-Ausflug auf eine einsame Insel.

Dort drehen sich die Machtverhältnisse um: Der Mann lässt den Macho raus, das Weib muss waschen, putzen und für sexuelle Dienstleistungen zur Verfügung stehen. „Du bist meine Sklavin“, sagt der mit Vollbart und Filzhaar nun stark ins Robinson-Crusoe-Hafte gehende Leichtmatrose. „Ich will unter Deine Haut und in Deine Eingeweide, am Ende werde ich Dein Gott sein.“ Seltsamerweise verliebt sich die Sklavin nach einer halben Vergewaltigung dann doch in ihren Herrn, vielleicht auch deshalb, weil sie auf der Insel dem in den Städten herrschenden Terror des Jugendwahns entkommen ist. „Du musst ja nicht mit Achtzehnjährigen konkurrieren“, klagt sie, ein Satz, den die inzwischen 44-jährige Popdiva auch in ihrem Hauptberuf seufzen könnte. Nach ein paar Wochen werden die beiden Verschollenen von einer vorbeikreuzenden Yacht gerettet. Ob ihre Liebe die Rückkehr in die Zivilisation überstehen wird, ist fraglich.

„Hingerissen von einem ungewöhnlichen Schicksal im azurblauen Meer im August“, heißt Lina Wertmüllers italienischer Film aus dem Jahr 1974, der als Vorlage diente. Der Titel hätte eigentlich ausreichen müssen, um die Finger von einem Remake zu lassen. Aber Guy Ritchie, der mit seinen rasanten Gangster-Komödien „Bube, Dame, König, Gras“ und „Snatch“ für Furore sorgte, habe gerade das „Inkorrekte“ des Stoffes gereizt, heißt es. Inkorrekt ist „Swept Away“ – so der Originaltitel – aber vor allem in einer Hinsicht: gegenüber seiner Hauptdarstellerin. Der Film ist das größte Desaster in Madonnas bisheriger Schauspielkarriere, die mit „Susan...verzweifelt gesucht“ 1985 hoffnungsvoll begonnen und ihr 1996 für „Evita“ sogar einen Golden Globe eingebracht hatte. Auch „Swept Away“ wurde ausgezeichnet: Bei den „Razzie Awards“, die sich als Pendant zum Oscar verstehen, bekam der Film fünf Goldene Himbeeren – schlechtester Film, schlechteste Schauspielerin, schlechteste Regie, schlechtestes Remake, schlechtestes Filmpaar. Keine der Trophäen war unverdient. (Cinemaxx Potsdamer Platz, Cinestar Tegel, UCI Friedrichshain, Kurbel (OV), Kosmos, Zoo Palast; Foto: Col. Tristar)

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