Kultur : Der Wilde Westen fängt im Wedding an

KNUD KOHR

Tom Astor lächelt schief unter dem Rand seines Stetsons hervor.Seit Wochen wirbt der deutsche Country-Star auf zahllosen Berliner Litfaß-Säulen für das "Country Christmas"-Konzert.Heute abend um 20 Uhr wird er, unterstützt von Western Union sowie der Chemnitzer Formation "Gudrun Lange und Kaktus", die Bühne des ICC betreten.Für die örtlichen Fans seiner Musik ist das definitiv ein Pflichttermin.

Zu finden sind diese beispielsweise im "Alabama", einer Musikkneipe im tiefsten Wedding.Der Schankraum ist vollgehängt mit Bildern von Szenegöttern: Dicky Lee, Willie Nelson, Bellamy Brothers.Aus den Lautsprecherboxen schmiert eine Steelguitar.Die Handvoll Männer und Frauen, die am Tresen sitzen und wortkarg zechen, tragen fast ausnahmslos karierte Flanellhemden.Ihren mehrfarbigen Stiefeln sieht man an, daß sie hundertprozentig aus "Hundertmarks Jeans- und Westernstore" stammen.Am Tresen entwickelt sich ein Fachdisput."Von Whisky hast du doch keine Ahnung", sagt einer."Du kannst doch nicht mal Penny von Tullamore unterscheiden." - "Wat?!", erwidert der Angesprochene, "Penny is viel milder." Bevor sie zu einem Ergebnis kommen können, schauen die Streithähne verdutzt hoch.Zwischen die Songs über Highways und Freiheit hat sich ein Titel von Ulla Meinecke geschoben.Leises Murren macht sich breit.Ronnie, der Wirt, hebt entschuldigend die Hand und geht zur Anlage.Sekunden später wimmert die nächste Steelguitar los.

"Die Berliner Country-Szene besteht doch zu drei Vierteln aus üblen Posern!" Larry Schuba ereifert sich so sehr, daß er keine Sekunde still auf seinem Stuhl in der SFB-Kantine sitzenbleibt."Neulich hat Willie Nelson in der Stadt gespielt.Weißt du, wieviel Leute da waren? Dreihundert Figuren! Bei Willie Nelson!" Schuba ist innerhalb der Szene eine umstrittene Person.Einerseits ist er definitiv ein Star.Der dicke kleine Mann mit den grauen Haar- und Bartstoppeln ist Frontmann von "Western Union".Seit dreißig Jahren spielt der einstige selbständige Goldschmiedemeister seine Musik.Mindestens hundertfünfzig Konzerte gibt der heute 48jährige seitdem jährlich.Selbst außerhalb der Szene kann so ziemlich jeder seinen alten Hit "Ich möcht so gerne mal nach Nashville" mitsummen.Auf der anderen Seite ist Schuba bei Teilen der Gemeinde mittlerweile zum Feindbild geworden."Ich polarisiere halt mit meinen Meinungen, und das ist gut so", sagt er.Schuba kann einen Großteil der Berliner Szene nämlich schlicht nicht leiden."Die Musik hat sich in Deutschland während der letzten Jahre einfach nicht weiterentwickelt.Im Gegenteil, seitdem man mit Country ein paar Mark machen kann, stellen sich immer mehr Leute auf die Bühne, die nicht mit dem Herzen dabei sind." Besonders haßt Schuba Musiker, die mit Drumcomputern arbeiten."Die spielen den rauhen, ehrlichen Typ, und im Hintergrund pocht die Maschine den Rhythmus.Das ist doch abartig!" Auch Squaredancer, die alle anderen Tanzwilligen von der Fläche drängen, kann er nicht leiden.Schon vor Jahren zog sich Schuba deshalb in die Provinz nach Zossen zurück.Dort betreibt er sein eigenes kleines Studio mit angeschlossenem Plattenlabel.Nach Berlin kommt er praktisch nur noch zu Auftritten.Und, wie heute, um seine Radiosendung "Country Music Circus" vorzubereiten, die er jeden Donnerstag zwischen 20.15 und 23 Uhr auf 88,8 moderiert.Er will breite Hörerschichten davon überzeugen, welche tollen Songs es im Country-Universum zu entdecken gibt.Deshalb spielt er vorwiegend Klassiker wie Hank Williams oder Buck Owens, die bei ihm selbst die Liebe zur Musik erweckten.Oder moderne Projekte aus den USA."In den Staaten werden so tolle Sachen gemacht!" schwärmt er und fällt ein weiteres Mal vom Stuhl."Szenegrößen arbeiten zusammen mit Jazz- und Soulmusikern.Mit Bluesleuten.Nashville ist so professionell geworden, daß selbst Popgrößen wie Sting ihre Alben dort produzieren lassen." Berlin hingegen sei immer noch so miefig wie zu Zeiten der Mauer.Das beschränkt sich nicht nur aufs Musikalische."Politisch driftet ein Teil der Szene immer mehr nach rechts.Wenn ich selbst zum Beispiel Ausländer wäre, würde ich nur noch höchst ungern auf die meisten Konzerte gehen und mich zwischen haufenweise aggressive Rednecks stellen."

Ein Fan, der seiner Liebe eher im privaten Rahmen frönt, ist Henry.Kommt man in seine Wohnung im Prenzlauer Berg, ist ziemlich klar, wem diese Zuneigung gilt.Schon im Flur hängen mehrere Plakate von Dolly Parton.Auch an den Wänden seines Zimmers ist Frau Parton auf zahllosen Zeitungsausschnitten und Filmplakaten präsent.Henry ist Fan, seitdem er sie zum ersten Mal im Radio "Islands in the stream" singen hörte.Das Besondere daran: Dieses Erlebnis fand in Addis Abeba statt.Henry ist Äthiopier und schwarz.Der 29jährige kam Anfang des Jahrzehnts zum Studium nach Deutschland.Da die Zulassung zur Uni scheiterte, schlägt er sich seitdem mit wechselnden Jobs durch.Daß keiner von den Landsleuten seine Vorliebe versteht, ist ihm egal."Wenn ich Besuch habe und Country auflege, halten sich die anderen die Ohren zu", lacht er.Selbst dann, wenn er beweist, daß Whitney Houstons Hit "I will always love you" in Wirklichkeit eine von Dolly geschriebene Ballade ist.Neben Dolly Parton schätzt er noch andere Vertreter des amerikanischen Mainstreams, wie Kenny Rogers oder Michael Montgomery.Mit der ideologischen Ausrichtung der Szene hat er keine Probleme."Ich mag diese einfachen, ruhigen Melodien.Und von den richtigen Fans kenne ich ja niemanden." Auch den Abend des "Country Christmas" wird er nicht etwa im ICC, sondern zu Hause vor dem CD-Player verbringen."Den Eintritt kann ich mir nicht leisten." Und außerdem, grinst er, "ein Schwarzer mit Cowboyhut, wie sieht denn das aus?"

Larry Schubas Country-Tips für Berlin:

Kneipe: Alabama, Genter Straße 65, Wedding
Zeitungen: Country Circle; Western Mail
Bands: Country Cousins; Hank Rose and the swinging Horses
Drei CDs für die einsame Insel:
1.Buck Owens: Live at the Palladium
2."Country, Blues and Soul" - Sampler
3.alles von "Sleep at the Wheel"

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