Kultur : Der Wildnis-Instinkt

Erstmals auf Deutsch: Alexis de Tocquevilles Bericht vom Rand der amerikanischen Zivilisation.

Tobias Lehmkuhl

Saginaw heißt das Ziel, ein Weiler im heutigen Michigan. Von New York aus sind die Franzosen Alexis de Tocqueville und Gustave de Beaumont aufgebrochen, um über Buffalo und den Eriesee erst nach Detroit zu reisen, damals ein Ort von kaum mehr als 2000 Einwohnern. Dort mieten sich die beiden Pferde, um nach Pontiac zu gelangen. Hier endet die Straße. Nun liegt vor ihnen nur noch die Wildnis, dreißig Meilen dunkler Wald, dahinter Saginaw.

Wir schreiben das Jahr 1831. Tocqueville hatte zu diesem Zeitpunkt noch längst nicht vor, mit „Die Demokratie in Amerika“ eines der einflussreichsten Bücher der Ideengeschichte zu schreiben. Es war schiere Neugier, die ihn in die USA lockte, eine Neugier, die an verrückte Abenteuerlust grenzte. Doch als er sich in Pontiac aufs Pferd setzt, ist er bereits überzeugt, dass die Besonderheit der amerikanischen Zivilisation mit der Weite der Landschaft und der Konfrontation mit der Natur in Zusammenhang stehen müsse.

Die Erfahrung der Landschaft, stellt er fest, ist in der Neuen Welt ganz anders als in der Alten Welt: „In den Alpen habe ich furchtbare Einöden durchwandert, Einöden, in denen die Natur sich zwar der Arbeit des Menschen verweigert, aber noch in ihren Schrecken eine Größe entfaltet, die die Seele leidenschaftlich bewegt. Hier ist die Einsamkeit weniger tief, aber sie weckt nicht dieselben Eindrücke. Was man fühlt, wenn man diese blumengeschmückte Wildnis durchwandert, ist lediglich eine stille Bewunderung, eine sanfte und melancholische Wallung, eine unbestimmte Abneigung gegen das zivilisierte Leben, eine Art Wildnis-Instinkt, der schmerzlich daran erinnert, dass diese köstliche Einsamkeit bald nicht mehr existieren wird. Wirklich dringt die weiße Rasse durch die Wälder ringsum vor, und in wenigen Jahren wird der Europäer die Bäume, die sich in den klaren Wassern des Sees spiegeln, gefällt und die Tiere, die sein Ufer bevölkern, gezwungen haben, sich in neue Einöden zurückzuziehen.“

Erst einmal aber wissen Tocqueville und Beaumont gar nicht, wie sie nach Saginaw gelangen sollen. Der Wald ist dicht, der Pfad kaum zu erkennen. Da niemand, so meinen sie, verstehen wird, was sie an diesen abgelegenen Ort treibt, geben sie sich, um Informationen über den Weg zu erhalten, als potentielle Landkäufer aus und lassen sich von ihrem Wirt in Pontiac erklären, wie man Grundstücke erwirbt. Sie selbst sehen auf ihrer Reise so manche gerade erst im Entstehen begriffene Farm.

Tocqueville legt in wenigen Sätzen dar, wie zuerst das Land gerodet und ein Blockhaus errichtet wird, er beschreibt, wie ein solches Haus gemeinhin eingerichtet ist, wer es bewohnt und von welcher Art die Menschen sind, die sich ihr Land so selbst erarbeiten. Dabei stellt er fest, dass es in den USA keine Dörfer im europäischen Sinn gibt, denn in den Ortschaften, durch die er kommt, gibt es nur Kaufleute, Juristen, Handwerker, während die Farmen weit außerhalb liegen. Der Leser staunt über derart hellsichtige Beobachtungen; auch über das Verhältnis der Amerikaner zum Geld oder zur Religion weiß Tocqueville Treffendes zu berichten.

Gleichwohl finden sich leise Widersprüche. „Fünfzehn Tage in der Wildnis“ entstand direkt im Anschluss an die Expedition, und so wird spürbar, wie sehr Tocqueville noch bewegt ist von der Erfahrung des riesigen Waldes, die ihn mit einem geradezu religiösen Schauder erfüllt. Außerdem ist da die Begegnung mit dem sogenannten Wilden, auf die Tocqueville als eifriger Leser James Fenimore Coopers besonders hinfiebert.

Aufgrund der hohen Erwartung fällt der erste Kontakt entsprechend ernüchternd aus – Tocqueville trifft auf einige indianische Schnapsbrüder, die so gar nichts Edles an sich haben. Später erst wird er in den Augen seiner indianischen Führer, die ihn durch den großen Wald geleiten, jenes wilde Feuer entdecken, von dem er daheim in Frankreich geträumt hat.

Schließlich ist der Wald durchquert, die Landschaft weitet sich, sie haben Saginaw erreicht: „Am anderen Ufer des Flusses erstreckte sich die Prärie wie ein grenzenloser Ozean an einem windstillen Tag. Eine Rauchsäule erhob sich und stieg friedlich in den Himmel. Verfolgte man sie zu ihrem Ausgangspunkt, so entdeckte man schließlich drei oder vier Wigwams, die in ihrer konischen Form und ihrer Spitze mit den Präriegräsern eins wurden. Ein umgestürzter Pflug, Ochsen, die unbegleitet von selbst zur Arbeit zurückkehren, und ein paar halbwilde Pferde vervollständigen das Bild.“

Tocqueville ist indes ein zu reger Geist, um sich mit solchen Bildern zufriedenzu- geben. Er möchte wissen, was zum Teufel das für ein Land ist, „wo man Bären als Wachhunde hält“. Das Staunen hat sich in den „Fünfzehn Tagen in der Wildnis“ gleichwohl noch nicht gänzlich in Analyse aufgelöst, noch vibriert die Luft, noch lösen Verwunderung und erste Einsichten einander ab.

Das macht den Reiz dieser nun erstmals übersetzten Aufzeichnungen aus. Beigegeben ist ihnen ein kürzerer Text, „Am Oneida-See", sowie der Kommentar des mitreisenden Beaumont, geschrieben anlässlich einer posthumen Ausgabe von Tocquevilles Schriften aus dem Jahr 1860. Tobias Lehmkuhl

Alexis de

Tocqueville:
Fünfzehn Tage in der Wildnis. Aus dem Französischen von Heinz Jatho. Diaphanes Verlag,

Berlin 2013.

112 Seiten, 12,95 €.

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