Kultur : Der Wilhelm im Daniel

Startschuss zur Berliner Opernsaison: Barenboim dirigiert „Fidelio“ an der Staatsoper

Jörg Königsdorf

Tags zuvor hatte Daniel Barenboim schon einmal den Geist Wilhelm Furtwänglers beschworen: Die Matthäus-Passion unter dessen Leitung sei einer der ersten prägenden musikalischen Eindrücke gewesen, bekannte der 62-jährige Maestro anlässlich der Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags zwischen der Staatsoper und dem Opernhaus seiner Geburtsstadt Buenos Aires, dem Teatro Colón. Doch Furtwängler und Barenboim, das ist nicht nur die Geschichte der Begegnung des alten Mannes mit dem Wunderkind, sondern auch die einer lebenslangen Treue zu den gleichen musikalischen Idealen. Einer gesuchten Seelenverwandtschaft, die vor allem dann zu Tage tritt, wenn es um Beethoven geht.

Vor einigen Jahren beispielsweise spielte Barenboim für den Soundtrack zu einem Furtwängler-Film den ersten Satz aus Beethovens c-moll-Sinfonie mit einer simultan über Kopfhörer laufenden historischen Aufnahme seines Vorbilds ein – und auch die zweite „Leonoren“-Ouvertüre, die Stéphane Braunschweigs „Fidelio“-Inszenierung an der Staatsoper vorangestellt ist, klingt, als sei der Geist des Jahrhundert-Dirigenten an diesem ersten Abend der neuen Berliner Opernspielzeit auf Barenboim herniedergegangen.

Schon die ersten, machtvoll gesetzten Akkorde tönen von Schicksal, bauen mit dunkel grundierten tiefen Streichern massive Kerkermauern, zwischen denen eine verlorene Fagottstimme wie das Echo einer fernen Klage schallt. Wie Furtwängler nimmt sich Barenboim Zeit, der Musik nachzuhorchen, scheut sich nicht, die Generalpausen auch wirklich als Leere fühlbar zu machen, als den angespannten Versuch eines Gefangenen, im Dunkel seines Verlieses irgendein Lebenszeichen aufzufangen. In diesen kostbaren Augenblicken gelingt es Barenboim tatsächlich, Beethovens Musik transzendieren zu lassen: Von den ersten, vagen Lichtstrahlen einzelner Holzbläser über das aus unendlicher Ferne herangeholte, lebensstrahlend visionäre Streicherthema bis zu dem fast jenseitigen, erlösenden Trompetensignal wird diese Ouvertüre zum durchgeistigten Prinzip Hoffnung.

Diese unvergessliche Viertelstunde liegt freilich zugleich als Hypothek auf dem Rest des Abends – was schon Beethoven bemerkte und seine Leonoren-Ouvertüren schließlich gegen ein kürzeres, harmloseres Stück Musik austauschte: Denn was bleibt noch zu sagen, nachdem sich Beethovens Menschheitsvision bereits erfüllt hat? Nicht allzu viel leider.

Denn die verbleibenden zweieinviertel Stunden wartet Barenboim vor allem ab, taktiert oft langsam an der Grenze zum Stillstand, als ob er darauf hofft, dass der genialische Funke noch einmal vom Himmel fällt. All die Singspiel-Elemente, die Dirigenten wie Rattle oder Norrington in letzter Zeit so nachdrücklich hervorgekehrt haben, interessieren ihn nicht, der Gedanke ans große Werk duldet kein neckisches Ensemblegeplänkel. Und als sei er sich selbst dieses unzureichenden Ertrags bewusst, versucht Barenboim, wie so oft, die Genialität durch spontane Willkürentscheidungen zu erzwingen, zieht beispielsweise das Tempo im Gefangenenchor so an, dass die Stimmen nur so durcheinander purzeln.

Die Sänger haben es unter diesen Bedingungen nicht eben leicht: Vor allem für Waltraud Meier, die ihre Leonore mit immensem Charisma angeht, bedeuten Barenboims Tempi einen stimmlichen Belastungstest – im zweiten Akt klingen ihre kräftezehrenden Spitzentöne nur noch wie gellendes Indianerkampfgeschrei. Für die Übrigen ist in Braunschweigs dezenter, zum Glück auf platte Aktualisierungen verzichtender Inszenierung viel Platz zu individuellen Rollenporträts. Der schön singende Johan Botha nutzt ihn kaum, René Papes makelloser, darstellerisch etwas zu eitler Rocco und Falk Struckmanns metallisch markanter Pizzarro umso mehr. Nur den Geist Furtwänglers, den können auch sie nicht zurückholen.

Noch einmal am 4. September.

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