Kultur : Der Wind auf der Warschauer Brücke Verboten, vergessen und nach 40 Jahren

neu endeckt: der erste Mauerfilm der Defa

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Arbeiterklang. Armin Mueller-Stahl und Kati Székely.Foto: Progress Filmverleih/H.-J. Zillmer
Arbeiterklang. Armin Mueller-Stahl und Kati Székely.Foto: Progress Filmverleih/H.-J. Zillmer

Das geschieht nicht alle Tage: Armin Mueller-Stahl erklärt die Mauer: „Unsere Kampfgruppen wurden aus den Betten geholt. Alle kamen, ruhig, schnell … Ich war Gruppenorganisator. … Klaus wird umdenken müssen … Für den Frieden! … Für Selbstbestimmung in Berlin und Havanna!“

Dies ist ein innerer Monolog des Narva-Glühlampenarbeiters Uli (Es werde Licht im Osten!), der in der Nacht zum 13. August 1961 zum Mauerbauen aus seiner Wohnung geholt wird. So beginnt „...und deine Liebe auch“, der erste Film, den die Defa unmittelbar nach dem Mauerbau drehte. Doch fast niemand kennt ihn mehr. Die Landeszentrale für politische Bildung gedachte das am Freitag in der Friedrichshainer Samariterkirche gemeinsam mit dem Filmwissenschaftler Claus Löser und dem Historiker Christoph Kleßmann zu ändern. Zumal es sich um ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswertes Werk handelt: Innere Monologe galten der Defa, Löser zufolge, eigentlich als bürgerlich-dekadent. Der Film von Frank Vogel besteht aber fast nur aus inneren Monologen.

Der fortschrittliche Arbeiter Uli ist nicht allein zu Haus, als er zum Mauerbauen muss. Mit seinem pro-westlichen Egoisten-Quasi-Bruder Klaus (Ulrich Thein) und einem dunklen Mädchen (Kati Székely), das beide soeben kennengelernt haben, trinkt er sich in den Morgen und spielt Gitarre: „Der Wind auf der Warschauer Brücke … weißt du, den brauch’ ich zum Leben …“. Aber nun bleibt der Hauptsache-mir-geht’s-gut- Bruder, der in West-Berlin arbeitet und im Osten wechselkursbedingt fast umsonst lebt, mit dem Mädchen allein zurück, bekommt es also, während Uli an der Oberbaumbrücke den „antifaschistischen Schutzwall“ errichtet. Das ist die Tragik des Daseins der Guten.

Wer einen Spielfilm über den Mauerbau drehen lässt, muss der Meinung sein, dass sich dieses Sinnbild der aufgehobenen Vermittlung durchaus vermitteln lässt. Dass er, letztlich, irgendwie im Recht ist und sei es im Recht der Verzweiflung. Oder wie Armin Mueller- Stahls Uli das formuliert: „Im August hatten wir gesagt: Halt! Der Klassenfeind kommt hier nicht durch!“

„… und deine Liebe auch“ ist nur der erste von vier Defa-Spielfilmen zum Mauerbau. Der bekannteste ist vielleicht „Die Sonntagsfahrer“ von Gerhard Klein, in dem drei Sachsen beschließen, ausgerechnet in der Nacht zum 13. August die DDR zu verlassen. Die Komödie dürfte die diplomatischen Beziehungen zwischen Sachsen und Berlinern kaum verbessert haben.

Aber der Hauptgrund, weshalb diese Filme später fast nie mehr gezeigt wurden, ist ein anderer. So wie das Ostvolk nach der Wende einen lebhaften Unwillen entwickelte, sich von Nichtdabeigewesenen erklären zu lassen, wie es gelebt hat, so zeigte es sich nach dem Mauerbau nicht länger bereit, sich von der Partei, die es eingemauert hatte, demonstrieren zu lassen, wie es dahinter aussah, im Westen. Das war der stillschweigende Konsens der Honecker-Jahre, und Film und Fernsehen vermieden es fortan sorgfältig, dieses Bauwerk irgendwie ins Bild zu rücken.

Dass die deutsch-deutsche Situation unhaltbar war, lag 1961 auf der Hand und in der Luft. Und die, denen es ernst war mit dem Sozialismus, sahen den Mauerbau oft als Chance: Endlich stört uns keiner mehr. Im Fall des jungen Regisseurs Frank Vogel und seines noch jüngeren Kameramanns Günter Ost hieß das: Wir machen euch diesen Mauerfilm, aber als Nouvelle Vague! Handkamera! Improvisation! Wir brauchen die neueste Westtechnik! Bekamen sie. Ulrich Thein, der in den späten DDR-Jahren als Bach und Luther auffiel, spielt den Taugenichts mit solchem Spaß, dass die Defa am Ende die Endlos-Monologe wie ein Leichentuch über diesen Edelpropagandafilm, diesen Selbstillusionierungsstreifen decken ließ.

Der Mauerbau war vor allem eins: eine Verzweiflungstat. Als West-Berlin, dieses letzte Loch im Eisernen Vorhang, zubetoniert war, musste sich die Bundesrepublik nach neuen Arbeitskräften umsehen. Jetzt kamen die Gastarbeiter. Und woher kam der Beton für die Mauer? Aus dem Wohnungsbauprogramm, sagte der Historiker Kleßmann.

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