Kultur : Der Wind hat ihm ein Lied erzählt

Und Frank Michael Beyer hört die Melodie – an seinem 75. Geburtstag in der Berliner Akademie

Sybill Mahlke

In der Berliner Akademie der Künste webt mehr Vergangenheit als Gegenwart. Nicht nur der Zustand der Lautsprecheranlage bekundet, dass die fetten Jahre am Hanseatenweg vorüber sind. Ein wenig Grauschleier hier, ein wenig Mehltau dort. Wenn aber ein führendes Akademiemitglied ein Jubiläum hat, dann erscheinen die Geistesköpfe der Stadt, als gehe es um eine Wiedersehensfeier der Kultur. Zu denjenigen, die den Grauschleier immer wieder ein Stückchen lüften helfen, weil er rettender Mitgestalter der schwierigen Zeit sein will, zählt Frank Michael Beyer, der Leiter der Musikabteilung.

Man ist gekommen, ihm zum 75. Geburtstag zu gratulieren. Das Datum widerspricht dem lebendigen Eindruck von unveränderter Agilität. Unter den Berliner Kollegen, sagt Präsident György Konrád, „registriere ich gern Ihr wissendes Lächeln“, wenn Gutes auf den Weg zu bringen sei. Das Vergnügen, sich von Beyer unterrichten zu lassen, exemplarisch auch am Klavier, möge der Akademie noch lange beschieden sein.

Man muss wissen, dass Beyer zu den Ausnahmemenschen gehört, die den ganzen Goethe, den ganzen Bach, den ganzen Wagner verinnerlicht haben, um zu verstehen, warum er sich den Berliner Kunstwissenschaftler Robert Kudielka als Festredner gewünscht hat. Er schätzt dessen Affinität zu Paul Klee, er hofft, Neues zu erfahren, wenn ein Nichtmusiker spricht. Kudielkas Betrachtung „Über Komposition“ fängt beim Wörterbuch an und führt aus ästhetischer Sicht zur Krise des Begriffs. Taten säumen den Weg der Theorie. Beyers kürzlich uraufgeführter „Windklang“ gerät diesmal zu einer Hommage an die ausführenden Streicher Stanley Dodds, Ulrich Knörzer und Richard Duven.

Gebürtiger Berliner, Pepping-Schüler, wahlverwandt aber eher mit Webern, emeritierter Hochschulprofessor, gibt Beyer seine geistige Position nicht zuletzt in Werktiteln preis. „Liturgia“ wird an diesem Abend von der Kammerakademie Potsdam vorgetragen. Feiner noch gelingt unter Jürgen Bruns „De lumine“ (1978) für Kammerensemble, eine Musik, die wiederum Träume einlässt. Stilistisch scheint sich Beyer treu geblieben zu sein zwischen 1978 und dem „Windklang“ von 2002: In der Reinheit kompositorischer Gedanken, ihrem Raum für Assoziationen, der Konzentration auf den Klang als Farbe. Berlins kleines Beyerfest geht weiter: Am 16. 3. beim Rundfunkchor, am 24. 3. beim DSO unter Nagano.

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