Kultur : Der Windrosenkavalier

Martin Wilkening

"Fremdsein ist nicht das A und O meines Schaffens, aber ein Gefühl, das mir erlaubt, mit dem Körper an einem Ort, mit dem Kopf oft ganz woanders zu sein ... Ich danke dem Zufall für die Wahl meines Geburtsortes und bin doch glücklich, dort nicht geblieben zu sein. Beinahe 45 Jahre weile ich in Deutschland. Aber schon seit Jahrzehnten ich weiß, dass, wäre ich woanders gelandet, ich anders komponiert hätte." Dieser konjunktivische Hintersinn im Blick auf das eigene Werk ist etwas, was Mauricio Kagels Musik ihre innere Freiheit verleiht, eine immer wieder neu erstaunende Unabhängigkeit gegenüber Traditionen. Geboren wurde er am 24. 12. 1931 in Buenos Aires in eine deutsch-russische, jüdische Familie, die auf der Flucht vor Pogromen in Ost-Europa klugerweise auch das damals noch demokratische Deutschland auf einem Auswandererschiff hinter sich ließ. 1957 kam Kagel, der in Argentinien wie in einem Schmelztiegel verschiedenster europäischen Traditionen aufwuchs, nach Köln, dem DAAD sei Dank.

Zum 70. Geburtstag liegt jetzt der vierte Rückblick auf ein Lebensjahrzehnt des Komponisten bei DuMont vor. "Dialoge, Monologe" enthält zum ersten Mal keine Fotos, es fehlen auch Werk- und Literaturverzeichnisse. Dafür herrscht jetzt ein durchgehender erzählerischer Ton, die Seiten füllen sich mit Gesprächen, die Werner Klüppelholz mit Kagel geführt hat. Eingeschoben sind Texte, die Kagel im vergangenen Jahrzehnt geschrieben, Reden, die der immer öfter mit Preisen Bedachte gehalten hat. Im Gegensatz zu den vorausgegangenen Büchern liegt der Fokus hier nicht mehr auf musikalisch-technischen Erörterungen, obwohl Kagel über sein Handwerk pointiert wie eh und je spricht. Aber das gesamte Gespräch kreist auch da, wo es um musikalische Fragen im engeren Sinn geht, immer wieder um den Blick auf die eigene Biografie, Fragen der Identität, Grundbedingungen der Beschäftigung mit Musik. Die Jugend in Argentinien spielt eine wichtige Rolle, Erinnerungen an die Klavierlehrer, an Erich Kleiber, Borges oder Gombrowicz erscheinen hier zum ersten Mal in einer Ausführlichkeit, die jeden an Kagel Interessierten freuen wird.

Und die Musik der vergangenen Dekade? In Berlin war es zuletzt vor gut einem Jahr der Rundfunkchor, der ein neues Stück von Kagel zur Uraufführung brachte, das "Schwarze Madrigal", in dem das Thema des Exotischen, Fremden, das von Anbeginn an Kagels Komponieren bestimmte, in der sprachlichen Annäherung an höchst fremdartige Ortsnamen weiterlebt. Auch die "Stücke der Windrose", Anfang der neunziger Jahre vollendet, treiben in der Maske eines Salonorchesters ein vielfach gebrochenes Spiel von geographischen und kulturellen Zuordnungen mit dem Exotischen als Reizmittel. Dass Kagel auch für solch genreartigen Besetzungen wie ein Salonorchester schreibt, relativiert den Blick auf die traditionellen Klangkörper, wie das Symphonieorchester, das er mit seinen "Etüden" für sich neu entdeckt hat, ohne dass man dies in der Orchesterstadt Berlin bisher bemerkt zu haben scheint. Trotzdem dürfte Mauricio Kagel in dieser Stadt der meistgespielte lebende Komponist sein, was sich allerdings einem gut gemeinten Missverständnis verdankt - denn zur repräsentativen Eröffnungsgeste taugen seine während der sommerlichen "Young Euro Classics" im Konzerthaus Abend für Abend gespielten "Fanfanfaren" eher nicht.

Das Konzerthaus wird am 17. Januar in seinen Räumen auch zum Ort einer langen Kagel-Nacht, in der neben älteren, hier noch nicht aufgeführten Ensemble-Stücken auch Fernseharbeiten von Kagel zu sehen sein werden. "Filme sind meine Opern" hat Kagel einmal gesagt. Was nur zur Hälfte stimmt. Daran, dass es die letzteren auch gibt, erinnern sich tätigerweise aber leider nur noch ein paar Enthusiasten außerhalb der großen Institutionen.

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