Kultur : Der Witz des Ventilators

Das Abstrakte im Figurativen: eine Ausstellung in der Berliner Galerie Johann König

Peter Herbstreuth

Klamauk und Witzeleien gibt es in der bildenden Kunst en masse, aber haltbaren Humor nur selten. Der Berliner Galerist Johann König hat nun solche Ausnahmen von dreizehn Künstlern in einer seiner besten Ausstellungen versammelt. Von der Straße sieht sie aus wie die übliche Versammlung ernsthafter Kunst. Doch wer die Liste der Werktitel mitliest, wird amüsiert die Schau wieder verlassen. Denn Humor kommt hier nicht ohne Nominalismus aus. Nominalismus? Nominalismus liegt dann vor, wenn die Bedeutung einer Sache sich der Benennung verdankt. Darin bleibt Urgroßvater Duchamp Vorbild. Vor fast hundert Jahren stellte er ein signiertes Pissoir in eine Ausstellung und nannte es „Fountain“ (Springbrunnen).

Er bezog den Titel nicht auf das Exponat, sondern auf die Performance des männlichen Betrachters, der sich während seiner Erleichterung als temporäre Brunnenfigur erleben soll und auf diese Weise in einer langen Tradition vom Herkulesbrunnen bis zu Männeken Piss steht. Ganz ähnlich beschreiben Kustoden später das Sublime angesichts von Werken abstrakter Expressionisten. Der Betrachter werde sich plötzlich seines Stehens, Schauens, Tuns als einsamer Beobachter zweiter Ordnung bewusst. Darum geht es. König nennt die Schau „Abstrakter Expressionismus in der zeitgenössischen figurativen Skulptur“ und parodiert den Titel einer ausgereiften Museumsschau; doch nur scheinbar. In Wahrheit ist der Titel Nonsens – oder eben sehr abstrakt.

Nada Sebestyén bezog ein Werk aus ihrer Studienzeit von 1991 eng auf Duchamps formales Paradigma. Sie legte auf einen der massenhaft produzierten Eiermann-Stühle ein dickes Sitz- und Rückenpolster und nannte die Kombination nach dem zaristischen Bürobeamten „Obmolov“, der sich dadurch hervortat, dass er lieber nichts tat und so viel Ungemach verhinderte (4800 Euro). Eva Grubinger variierte eine Skulptur des Minimalisten Tony Smith, der seinerseits ein Vorbild aus der Wirklichkeit variiert hatte. Smith entzog aber dem Nachbau den Namen, um ihn als pures geometrisches Objekt erscheinen zu lassen. Die Künstlerin macht nun den Entzug rückgängig. Das Stahlobjekt heißt „Panzerkralle“ (8000 Euro). Da schlägt der Minimalismus die Augen auf und wird zum Gegenüber. Die Skulptur ist als militärische Vorrichtung ebenso brauchbar wie symbolisch. Der Witz liegt aber darin, dass sich die Balken exakt im Goldenen Schnitt kreuzen. Das Schöne ist ein Rammbock.

Geerten Verheus baute einen Deckenventilator, der die Flügel hängen lässt und nannte das starr erschlaffte Gummi-Mobile „Hundstage“ (4300 Euro). Das lässt sich nicht erläutern. Entweder entzündet der Witz ein stilles Amüsement oder nicht. Eine nicht repräsentative Umfrage unter Bildungsbürgern erhob das Werk zum besten der Schau. Warum? Nominalismus wird dann am Interessantesten, wenn er in Unsägliches mündet und auf das Bild zurückweist, das ohne ihn nicht wäre, was es mit ihm ist: eine geniale Wortbilddialektik. Darüber hinaus sind auch unverkäufliche Werke von Claes Oldenburg, Pawel Althamer und Alexej Koschkarow zu sehen, ebenso bereits verkaufte von Andres Zybach, Florian Slotawa und Raphael Danke.

Galerie Johann König, Weydingerstraße 10, bis 15. Mai; Dienstag bis Sonnabend 11–19 Uhr.

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