Kultur : Der Witz kommt raus

Pointen im Weißraum: die Bildergeschichten von Stephan Katz und Max Goldt in der Cartoonfabrik

Steffen Kraft

Gerade aus dem U-Bahn-Schacht heraufgestiegen, schwanken die drei Kugelmännchen schnurstracks in die Urania, den Fortbildungstempel unweit des Nollendorfplatzes. Ein Banner auf dem Dach verkündet das Thema des „Popkultur-Vortrags“: „War Pogo ein Tanz?“ Die Kugelmännchen machen aus ihrer Skepsis keinen Hehl. Pogo, zuerst das Gehüpfe rebellischer Punks und später dann von Generationen etwas weniger rebellischer Teenager, soll ein Tanz gewesen sein? Gut zwei Stunden später fühlen sich die drei schlauer. Der eine – er sieht einem gewissen Titanic-Autor und Comic-Texter mit dem Namen Max Goldt auffallend ähnlich – verkündet: „Pogo war genauso ein Tanz wie Twist oder Lipsi“. Nur eine Kugelfrau hat sich noch einen Zweifel erhalten, den sie selbst wohl als „gesund“ bezeichnen würde: Der Vortrag der kommenden Woche über Breakdance stimme sie noch „skeptisch“.

Und? Wo ist der Witz? Wer so fragt, kommt der Komik der Bildergeschichten, die Stephan Katz und Max Goldt in ihren Comics erzählen, nur schwer auf die Spur. Denn in ihren Geschichten finden sich kaum Pointen im klassischen Sinn. Und wenn, dann unterlaufen die Comicmacher sie im nächsten Bild. Der Humor ihrer Werke, lässt sich nicht lokalisieren, festmachen, auf einen Punkt reduzieren. Katz und Goldt entwerfen Welten, die das tägliche Leben einerseits detailversessen einfangen, es andererseits aber so skurril zeigen, dass man es für unmöglich hält – würde man das Dargestellte nicht aus eigener Anschauung kennen: Der typische Berliner Fahrradfahrer mit Rucksack, die Tatsache, dass Menschen einen Vortragssaal fast immer rauchend verlassen und die spezifische Skepsis, die leicht besserwisserische Studenten der Kulturwissenschaften selbst bei abseitigsten Themen an den Tag legen.

120 Zeichnungen aus den vergangenen sieben Jahren stellt die Berliner Cartoonfabrik jetzt aus. Autor Goldt und Zeichner Katz lernten sich 1994 über das Satiremagazin „Titanic“ kennen, das Goldt seit den späten Achtzigerjahren mit seinen grandiosen, vor zwei Jahren eingestellten Kolumnen bestückte. Eines Tages bekam er einen Brief mit Zeichnungen, die auf bereits veröffentlichten Texten beruhten. „Der Zeichner, ein gewisser Stephan Katz, fragte an, ob ich etwas gegen die Zeichnungen einzuwenden hätte. Ich schrieb ihm, da mir die Zeichnungen gefielen, er solle nur so weitermachen“, berichtet Goldt über den ersten Briefkontakt. Doch ganz so unbeteiligt wie der Antwortbrief suggeriert, war Goldt nicht. Seit Katz’ Brief produzieren die beiden Berliner Beiträge für die „Süddeutsche Zeitung“, das Stadtmagazin „Zitty“ und die „Die Zeit“, die sie allwöchentlich mit absurd-saloppen Briefen aus Buxtehude oder Bielefeld bestücken. Der erste gemeinsame Comicband „Wenn Adoptierte den Tod ins Haus bringen“ erschien 1997, seither folgten vier weitere Bände. Aus ihnen stammen die meisten der Bildergeschichten in der Cartoonfabrik.

„Witzaufkleber, BRD, ca. 1978“ haben Katz und Goldt die Ausstellung genannt. „Einfach so“, wie sie versichern. Ein direkter thematischer Zusammenhang von Titel und Gezeigtem besteht nicht. Wer allerdings nah an die Zeichnungen herangeht, kann doch Aufkleber entdecken – und Tipp-Ex. Die Ausstellung fördert zu Tage, was in den gedruckten Geschichten nicht mehr sichtbar ist: Überklebte Sprechblasen, geweißte Hintergründe, ja ganze Figuren, die wieder aus dem Comic entfernt wurden. Die Tilgungen zeigen, dass die eigentliche Humorkunst in der Reduktion besteht. Katz und Goldt dünnen ihre Zeichnungen so lange aus, bis nur noch die charakteristischen Elemente übrig bleiben. Der Rest des Bildes und damit der Witz entsteht im Kopf des Betrachters. „Gedanken eines Vielumjubelten“ ist das Bild eines Pianisten nach dem Konzert überschrieben. „Wie viele Insekten sind wohl schon zu Tode gekommen, indem sie zwischen die Hände von Menschen gerieten, die mir applaudierten?“, denkt er, obwohl kein einziges Insekt zu sehen ist. Was auf den ersten Blick absurd erscheint, ergänzt der Comicleser im Weißraum. Verlässt man die Ausstellung, geht es einem wie den Kugelmännchen nach dem Pogo-Vortrag: Man ist klüger als vorher. Und wer gegenüber dem Humor von Comics je skeptisch gewesen sein sollte, wird den Zweifel sicher ablegen.

Cartoonfabrik, Auguststraße 82 (Mitte), bis 19. Oktober, Mi bis So 14–19 Uhr.

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