Kultur : Der Witz vom Dreispitz

Berliner Opernstiftung ist „Ärgernis des Jahres“

Frederik Hanssen

Die Bedeutung der Musikmetropole Berlin zeigt sich jedes Jahr bei der Kritikerumfrage der Fachzeitschrift „Opernwelt“. 50 professionelle Musiktheaterbeobachter bewerten die Tops und Flops der Saison. Dabei war die deutsche Hauptstadt in jüngster Zeit vor allem auf eine Kategorie abonniert, nämlich das „Ärgernis des Jahres“. Im letzten Herbst aber klappte es dann auch mal mit der Königsklasse: Die Komische Oper wurde „Opernhaus des Jahres“. Dass im aktuellen Jahrbuch, das am heutigen Mittwoch erscheint, einer der stadtinternen Konkurrenten nachziehen könnte, war kaum zu erwarten. Schließlich hat in der abgelaufenen Spielzeit die Lindenoper ihren Intendanten (zur Erinnerung: Peter Mussbach) und die Deutsche Oper ihren Generalmusikdirektor (Renato Palumbo) verloren.

Nein, diesmal geht die Krone ans Aalto- Theater Essen, das Stefan Soltesz als dirigierender und managender Alleinherrscher seit 1997 zum Spitzenhaus aufgebaut hat. Claudio Abbado ist der „Dirigent des Jahres“, bei den Sängern liegen Diana Damrau und Michael Volle vorn, Johannes Leiackers „Tosca“-Auge (bekannt auch aus dem ZDF-EM-Studio) wurde zum besten Bühnenbild gekürt. Unter den Linden darf man sich dagegen über die Uraufführung des Jahres (Henzes „Phaedra“) freuen, an der Deutschen Oper über die wichtigste Wiederentdeckung (Braunfels’ „Johanna“) – und vor allem darüber, dass es Chordirektor William Spaulding geschafft hat, seine Truppe binnen Jahresfrist zum „Chor des Jahres“ zu machen.

And the „Ärgernis des Jahres“ is: Berlin, mal wieder. Klaus Pierwoß, bis 2007 Intendant in Bremen, hat eine knochentrockene kulturpolitische Analyse der „Stiftung Oper in Berlin“ geschrieben, die sich vor allem als Bewerbung um den Job des Generaldirektors liest. Der Hauptstädter schüttelt da nur mitleidig den Kopf: Der Traum von der konstruktiven Operntrias unter einem Dach? Ist und bleibt ein Witz vom Dreispitz. Die Chose wurde doch nur erfunden, um nörgelnde Lokalpolitiker ruhigzustellen. Und was die Kritikerschelte betrifft: Sie meckern alle über Berlin – und bei der nächsten hauptstädtischen Opernpremiere sitzen sie dann alle wieder im Parkett. Frederik Hanssen

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