Kultur : Der Worte wegen

Jan Schulz-Ojala

Sie war ein Fräuleinwunder, damals, 1975, als der Literaturbetrieb das altertümelnde Werbewort niemals zu erfinden gewagt hätte, ein Fräuleinwunder aus der Schweiz, unergründlich schön und schön unergründlich ihr Lächeln vom Klappentextfoto ihres ersten Romans namens „Vorabend“, der eine Demonstration am Folgetag zum Gegenstand hatte, doch lieber von den früh fragmentierten Vergangenheiten der noch so jungen Autorin erzählte, 27 war sie damals erst, oder erzählte sie gar nicht, diese Stimme, sondern war nur neu und war nur da? Erzählte nicht ohne Punkt und Komma, nein, das nicht; doch in langen schwarzen Blöcken und fast ohne Absätze strömten Gertrud Leuteneggers Miniaturen ineinander und voran, oder sollte ich sie Koloraturen nennen, denn worum sonst ging es denn in ihren Wortgirlanden als um Gesang, und was anderes sprach aus ihnen als ein leises feines Dauerzittern des Bewusstseins und selbstmitleidlos kalte Einsamkeit? Immer weiter gewuchert scheint nun dieses Fürsichsein in den Jahrzehnten, in denen Leuteneggers hohes, vages, seltsames, monophonisches Tönen, seien wir ehrlich, in Vergessenheit geriet und doch weiter klang und klingt, zart und bald merkwürdig durchdringend, und so gleiten wir wie mühelos in ihren neuen Roman „Pomona“ hinein, ach was, Roman, ein Raunen ist das von uralten Apfelkellern und gestorbenen Müttern und groß gewordenen Töchtern und einem Trunkenbold von Mann, den man einfach verlassen muss eines Tages dort oben in jenem südschweizerischen Bergdorf, von dem man bei gutem Wetter den Mailänder Dom sehen kann. Natürlich dürfte auch das gelogen sein oder zumindest geträumt, was diese Raunerin da in Wörter verwandelt, doch macht nichts, macht gar nichts, macht dir wenigstens nichts vor vom wirklichen Leben, dieses Reden und Singen, das auf einmal so sanft und altmodisch tönt, dieser Singsang, der nichts weiter will als schöne Sprache sein.

Gertrud Leutenegger: Pomona. Roman. Suhrkamp, Frankfurt. 175 Seiten, 18,90 €.

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