Kultur : "Der wundervollste Stoff ist das Leben"

DIETRICH FISCHER-DIESKAU

Junges Theater - für die Jugend, von jungen Autoren, in der Gegenwart geschrieben?-Es drängen sich viele Fragen auf.Eines ist sicher: Anders und konkreter als alle anderen Formen von Literatur stellt das Drama den Menschen dar, denn Schauspieler verkörpern Menschen, die vom Autor gesehenen Figuren.Aber dazu muß sie erst einmal jemand sehen.Keiner unter den Bühnenautoren wird um die immerwährenden Themen herumkommen, von denen die Menschheitsgeschichte begleitet ist, mit denen jeder einzelne sich konfrontiert sieht und mit denen sich der Autor vor allen anderen herumschlägt.Den wundervollsten Stoff, den jeder Mensch besitzt, sein eigenes Leben nämlich, fühlen sich viele gedrängt zu erzählen.Aber nicht der Stoff führt zum möglichen Gelingen einer Darstellung, sondern die ebenso selbstverständliche wie unersetzliche Voraussetzung des Schreibens.

Das will nicht sagen, Theaterautoren sollten sich dem Geist ihrer Zeit entziehen.Aber sie brauchen ihn nicht buchstäblich aufzusuchen, sollten es vielmehr selbstverständlich tun.Schönstes Beispiel: "Schlußchor" von Botho Strauß.Schneller Zugriff auf den aktuellen Fall der Mauer und die Vereinigung wirkt zwar wie auskalkulierte Situationsschilderung, Schnappschuß der Wirklichkeit, führt aber hinunter zu den Wurzeln, sei es auch, um ihren Mangel an Kraft, uns zu halten, aufzuzeigen.

Die fetten Nachkriegszeiten für das Theater sind vorüber.Es folgte die Revolte.Alles war nun politisch, von politischer Relevanz, und wieder einmal wurde der Tod des bürgerlichen Theaters ausgerufen, unterstrichen von ,Zertrümmerung der KlassikerÔ.So vergnüglich das Wiedererkennen oder Zertrümmern älterer Stücke sein mag, das Theater muß sich, will es lebendig bleiben, erneuern.Jenseits des Zeitgeistes sollten unsere Grunderfahrungen vermittelt werden.

Seltsam, daß sich Intendanten, Regisseure und Autoren des Interesses der Jugend an Spannung, aber auch ihres völligen Desinteresses an Narreteien auf der Bühne bewußt sind.Den Schauspieler und seine nachschöpferische Potenz wieder in den Mittelpunkt des Interesses zu stellen, bedeutet keinen Rückzug in ästhetische Formeln, keine Rückkehr zu vermoderten Theatersitten.

Es bleibe dem Fernsehen vorbehalten, uns das Herunterlassen von Hosen und Höschen vorzuführen.Theater beruht auf Dialog, und wenn es sich mit der Individualität des Menschen beschäftigt, wird es uns schnurgerade oder über ein paar Umwege zur Auseinandersetzung mit der Gesellschaft, zu den Beziehungen der Menschen untereinander führen.Ästhetik darf nicht über die Sinnfrage triumphieren, Stücke müssen sich auch mit der Dramenkonvention auseinandersetzen.Theater braucht - anders als der Roman - gut gebaute Stücke, braucht Rollen für Figuren aus Fleisch und Blut.Dann werden sie auch den Weg auf die Bühne und das Interesse des Publikums finden.Es reicht nicht, wenn sich ein Bühnenarrangement immer nur auf kurze Zeit ,bemerkbarÔ macht, um danach in der Versenkung zu verschwinden.

Dietrich Fischer-Dieskau, 1925 in Berlin geboren, ist Sänger, Musikpädagoge und Autor.Die Frage stellten die Berliner Festspiele mit Blick auf die Festwochen, die am 1.September beginnen.Der Tagesspiegel druckt einen Teil der Antworten.Nächste Folge: Jens Hillje

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