Kultur : Der Zitator

Schläfrig, leicht: Becks Album „The Information“ ist fast ein Meisterwerk

Christian Schröder

Eine Rolltreppe, die ins Nichts fährt. Kopulierende Pferde. Ein Frauenbein im High-Heel-Schuh. Der Künstler als Marionette, als Aquarell, mit über den Rücken geschnallter Gitarre. Dazu halbironische Schlagworte: „Strange Apparition“, „New Round“, „No Complaints“. Nein, beschweren kann sich hier wirklich niemand. So Pop-Art-bunt hat der Pop schon lange nicht mehr ausgeschaut.

Das Cover zu Becks neuem Album „The Information“ kann sich der Hörer selber zusammenkleben. Die CD wird mit blaukariertem Bastelpapier und einem Faltblatt ausgeliefert, das mit knapp sechzig Stickern bestückt ist. Die vermeintlichen Slogans sind Songtitel. Angeblich hat die universelle Verfügbarkeit im Netz der Popmusik ihren erzählerischen Atem genommen. Doch hier arbeitet ein Musiker an einem Opus magnum, dem postmodernen Superknaller. Dass Beck den Käufer dabei zum Collagisten macht, ist nur die konsequente Fortsetzung seiner kreativen Strategie.

Beck Hansen, Enkel des Fluxus-Künstlers Al Hansen, ist ein großer Aufklauber, der aus vielen Bruchstücken seinen eigenen Folk-Lofi-Funk-Schweinerock- Hiphop zusammenzimmert. „The Information“, mit 16 Titeln und einer Gesamtlänge von 65 Minuten in klassischem Doppel-LP-Format gehalten, sollte sein „White Album“ werden, das ans frühe Meisterwerk „Odelay“ (1996) anknüpft und die späteren, mal schlechteren („Midnite Vultures“, 1999), mal besseren („Guero“, 2005) Veröffentlichungen hinter sich lässt. Aufgenommen hat er „The Information“ mit dem Radiohead-Produzenten Nigel Godrich. „Bevor wir anfingen, sagte Nigel, er wolle ein Hiphop-Album machen“, erzählt der Sänger. „Auf eine Art ist es das geworden, auf eine Art aber auch wieder nicht. Es hat auch eine ruhige, introspektive Seite.“

Natürlich gibt es auf dem Album wieder diese schläfrigen, verschleppten Hiphop-Beats und Becks Sprechgesang, ein dunkles Murmeln. „One, two, you know what to do“, veteranenhaft zählt der Schlagzeuger an, ein scheppernder Offbeat-Rhythmus setzt ein, bald zirpt eine Sitar. Das Auftaktstück heißt ironischerweise „Elevator Music“, Fahrstuhlmusik. Beck, ein begnadeter Eklektiker, jedem Stück verpasst er einen anderen Sound. Die Single „Cellphone’s Dead“ ist ein blubbernder Electrotrack, „Think I’m In Love“ wurde um eine stoische Soul- Bass-Line herumgebaut.

„Dark Star“ protzt mit ultratiefen Dub-Tönen, und die mit Klaviergeklimper und viel Hall aufgemotzte Rockballade „Strange Apparition“ könnte auch aus der „Exile On Main Street“-Phase der Rolling Stones stammen. Beck erfindet Surrealismen wie „a tin-can mountaintop“ („Motorcade“), einen blechdosernen Berggipfel, und besingt die Ohnmacht eines orientierungslosen Seemanns („Nausea“). Die Hälfte der Songs ist großartig, aber seine chamäleonartige Leichtigkeit ist gleichzeitig sein größtes Problem. Es ist eine Verhackstückung, die schnell beliebig wirkt, und mitunter lässt der große Zitator ein Stück einfach in der Endlosschleife eines Computerbeats rotieren.

Mit seiner Gitarre, so die Saga, fuhr Beck im Bus von Los Angeles nach New York, um dort berühmt zu werden. Nach zwei Jahren kehrte er gescheitert in seine Heimatstadt zurück, jobbte in Porno-Video-Shops und wurde bei einem Auftritt von einem Labelbetreiber entdeckt, der ihn mit dem Hiphop-Produzenten Karl Stephenson zusammen brachte. In dessen Wohnzimmer nahm Beck einen Song auf, in dem er das Gefühl des Gescheitertseins in einem nihilistischen Refrain gipfeln ließ: „I’m a loser baby, why don’t you kill me?!“ „Loser“ stieg 1993 zur Hymne der Generation X auf.

Als Beck im Fernsehen einen Werbeclip sah, dessen Musik seinen Hit „Where It’s At“ kopierte, hörte er für ein paar Jahre auf, sein Elektropiano zu benutzen. Von der Technik des Samplings, die er lange exzessiv nutzte, hat er sich inzwischen abgewandt. Stattdessen spielt das musikalische Wunderkind, heute 36 Jahre alt, nun mit herkömmlichen Instrumenten Soundbits ein, die wie Samples klingen. Als herauskam, dass Beck Mitglied der Scientology-Church ist, wurde er in Europa scharf kritisiert. Der „New York Times“ sagte er, sein Vater sei schon seit 35 Jahren Scientologe und über die Glaubensinhalte könne er nichts Genaues mitteilen.

Scientology-Gründer L. Ron Hubbard war ursprünglich Sciencefiction-Autor. Auf „The Information“ unterhalten sich der Schriftsteller Dave Eggers und Filmregisseur Spike Jonze, unterlegt von sphärischen Geräuschen, über den perfekten Aufbruch ins Weltall. Man brauche ein möglichst großes Raumschiff. Beck ist mit seiner Musik längst in seiner eigenen Galaxie zu Hause.

„The Information“ ist bei Interscope/Universal erschienen.

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