Kultur : Der Zitronenfalter im Hauptbahnhof

Deutsch-deutsche Geschichten: Ausstellungen in Düsseldorf und Berlin ehren den großen Gerhard Altenbourg

Michael Zajonz

Es war Helmut Kohl, der sie zusammenbrachte. Am 19. Dezember 1989 begegneten sich bei einem Essen, das der Bundeskanzler bei seinem Staatsbesuch in Dresden gab, zwei Granden der Kunst in der DDR, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten: Gerhard Altenbourg und Werner Tübke. Der „Staatsmaler“ Tübke gratulierte dem „Außenseiter“ Altenbourg artig zu dessen Erfolg. Tübkes Glückwünsche galten einer Ausstellung, die der West-Berliner Kunsthändler und Galerist Dieter Brusberg wenige Tage vor dem Mauerfall in Abwesenheit Altenbourgs eröffnet hatte. Die Erstpräsentation der „Schnepfenthaler Suite“ – eine Folge von hundert filigranen Kaltnadelradierungen, die Altenbourg in Anspielung auf Tübkes Bauernkriegspanorama „mein kleines Frankenhausen“ nannte – bekommt der Künstler selbst nicht mehr zu Gesicht. Elf Tage nach dem Dresdner Gipfeltreffen stirbt Gerhard Altenbourg an den Folgen eines Autounfalls.

Die Katastrophe trifft den Zeichner auf dem Scheitelpunkt seines deutsch-deutschen Ruhmes. Retrospektiven in Ost wie West hatten Mitte der achtziger Jahre mit einem Oeuvre bekannt gemacht, das nach 1961 in erzwungener, später dann in frei gewählter Isolation entstanden war. Schon 1971 eruierte Altenbourg eine Ausreisemöglichkeit, ohne sie je in Anspruch zu nehmen. Ihm genügte das Gefühl, so hat es Friedrich Dieckmann einmal ausgedrückt, „dass er es können musste, um es lassen zu können“.

Altenbourg, der 1926 als Gerhard Ströch geborene Predigersohn aus dem thüringischen Städtchen Altenburg, wurde unversehens zu einem ebenso stationären wie somnambulen Botschafter, seine Köpfe, Landschaften und Szenerien zu untergründigen Morsezeichen einer einigermaßen ideologieresistenten Kulturnation. Eine exemplarisch zu nennende Zusammenschau von 104 Aquarellen, Mischtechniken, Zeichnungen, Malerbüchern – er arbeitete fast ausschließlich auf Papier – erleichtert nun im Düsseldorfer Stammhaus der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen das längst überfällige Resümee. Bald eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende staatlicher Teilung – die Trennung in Ost- und Westkunst scheint endgültig besiegelt – stellt sich erneut die Frage nach dem Rang eines Künstlers, der in keine dieser Schubladen passen will. Sie zu stellen, ist nicht ohne Risiko. Kunstsammlungs-Direktor Armin Zweite etwa stieß bei seinen jüngeren Mitarbeitern auf so geringes Interesse, dass er die Ausstellung schließlich selbst einrichten musste.

Spiritus rector der Schau, die weiter nach München und Dresden wandern wird, ist jedoch Dieter Brusberg: einst Förderer, nun Nachlassverwalter – und einer der für Altenbourgs Rezeption so typischen kenntnisreichen Bekenner. Brusberg begegnete seinen Arbeiten 1961 in der Berliner Galerie von Rudolf Springer. 1969 organisierte er eine erste Altenbourg-Wanderausstellung, die auch im Zehlendorfer Haus am Waldsee gastierte.

Nun ist er enttäuscht, dass das hiesige Kupferstichkabinett, obgleich im Besitz exzeptioneller Blätter, Altenbourgs Berliner Wurzeln hartnäckig ignoriert. Ein Gastspiel der Tournee habe die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nie ernstlich erwogen. In Berlin ist Altenbourg in diesem – durch kein Jubiläum veranlassten – Altenbourg-Jahr lediglich bei Brusberg zu sehen: mit einer Auswahl von Druckgrafik und Mischtechniken (Preise zwischen 360 und 24 000 Euro). In Düsseldorf flankieren Galeriepräsentationen bei Vömel und bei Beck & Eggeling die Retrospektive.

Altenbourg, so die Galeristen unisono, vermittelt sich nicht leicht. Von Anbeginn scheint sein Werk merkwürdig aus der Zeit- und Kunstgeschichte gefallen. Dabei verarbeiten die frühen Zeichnungen auf Packpapier – in Düsseldorf vergegenwärtigen dies allein drei der monumentalen „Ecce Homo“-Darstellungen von 1949/50 – augenfällig Kriegserlebnisse. Hier und in zeitgleich entstandenen Blättern mit so lapidaren Titeln wie „Beim Ficken“ oder „Mein Bruder, das fraßlüsterne Schwein“ blitzen für einen kurzen, wesentlichen Moment Triebhaftigkeit und Todesangst auf. Doch schon bald konditioniert sich der virtuelle Meisterschüler Paul Klees und Egon Schieles zu einem Meister des Sublimierens.

Mit dem DDR-eigenen Hang zum Biedermeier hat dieses Werk dennoch nichts gemein. Sicher, Altenbourgs hinter komplizierten Bildtiteln versteckten Obsessionen verströmen oft den Duft des Skurrilen, seine mit Gottfried-Benn-Lektüre abgewogenen Unwägbarkeiten sind schön – und verlangen genauestes Hinsehen. Hoffnungsvoll altmodisch. „Ein Zitronenfalter im Hauptbahnhof“ nannte ihn dereinst Eberhard Roters. Gerhard Altenbourg war einer, der Modernes und Vormodernes munter mischte. Darin ist er vielleicht aktueller denn je.

Düsseldorf, K20 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen am Grabbeplatz. Bis 7. März 2004 Di.-Fr. 10-18 Uhr, Sa./So. 11-18 Uhr. Der Katalog (Prestel Verlag) kostet 28 Euro. Galerieausstellungen in Düsseldorf bei Vömel (Tel. 0211 - 327 422) und bei Beck & Eggeling (Tel. 0211 - 4915 890) sowie in Berlin bei Brusberg, Kurfürstendamm 213, bis 7. Februar; Di.-Fr. 10-18.30 Uhr, Sa. 10-14 Uhr (vom 24. bis 29. Dezember geschlossen).

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