Kultur : Der Zoom im Auge

Zwei Berliner Ausstellungen zeigen Bilder von Albrecht Schnider

Peter Herbstreuth

In Zeiten, in denen Landschaftsansichten zu Überwachungsbildern von Satelliten geworden sind, geraten Landschaftsmaler in Bedrängnis, die so tun, als wüssten sie von Perspektiven alltäglicher Kontrolle nichts. Werner Tübke wusste davon. Seine berühmte Kreislandschaft des „Bauernpanoramas“ spiegelt den Kontrollblick der Stasi mit malerischer Raffinesse und macht ihn zum zynischen Genuss von Connaisseuren. Der Schweizer Maler Albrecht Schnider weiß auch davon. Er rückt die alpine Landschaft in militärischen Tarnfarben ins Bild und perspektiviert das Gebirge auf eine Weise, wie man es nur mit einem Kamerazoom sehen kann. Dabei setzt er die Horizontlinie so, dass sie nur noch als Lesehilfe erscheint, die den Bildeindruck „Landschaft“ herstellt. Schaut man lange genug, verschwindet sie. Das Bild der Landschaft löst sich in ein Abstraktum von Planfeldern auf. Aber gerade weil seine Landschaft nicht haltbar ist, entspricht sie heutigen Sehgewohnheiten, die das Wissen über die Welt wachhalten.

Schnider entschied sich für minimale Querformate, die dem monumentalen Sujet einer Berglandschaft zuwiderlaufen. Die Bilder sind kaum breiter als ein Din-A-4-Blatt und bedeutend schmaler. Man kann nicht anders, als das Bild beim Sehen immer wieder als Objekt wahrzunehmen. Unmöglich, sich darin zu verlieren, gar darin mit Blicken zu baden wie bei Tübke. Solch’ klare und entschiedene Medienreflexion ist selten.

Der in Berlin lebende Schnider hat seit zehn Jahren keine Landschaften mehr ausgestellt. Bei Griedervonputtkamer zeigt er das erstaunliche Ergebnis seines Nachdenkens. Er kontrastiert und erweitert es durch abstrakte Figurationen auf Mittelformaten, die seinen bis zum Äußersten kontrollierten Malakt als verzweifelte Beherrschung seines Metiers vorführen (8000 bis 11 500 Euro). Jeder Strich ist ein So-und-nicht-anders bildnerischen Denkens, jeder Spritzer stilisiert, jedes Kleckern des Pinsels punktgenau geträufelt. Es ist fast nicht auszuhalten, wie pingelig dieser Maler arbeitet. Als würde er die Methode rationalen Vorgehens im Medium Malerei an ihre Grenze führen und alle Künstler, die es nicht so genau nehmen, gleichsam auffordern, ihre Bilder an die Wand zu drehen. Darin liegt eine Wahrheit. Wer sich rigider Rationalität bedient, spielt ihre Unbarmherzigkeit nach. Daher sind die Abstraktionen bis zum Zerreißen gespannt.

Die Zeichnungen im Kabinett der Galerie Thomas Schulte belehren darüber, dass Schniders Methode ein Akt des Willens und nicht seine Natur ist. Sie kommen direkt aus der Hand (1400 Euro). Schnider hat sie bisher nie gezeigt, obschon er parallel zum Malen immer zeichnet und manche als Entwürfe für Gemälde nimmt. Sie erscheinen leicht, schwebend, in sich balanciert. Vielleicht ist es kein Zufall, dass die Ausstellung an Adornos Geburtstag eröffnet wurde. Denn wollte man ein schlagendes Argument für dessen noch nicht widerlegte These, dass große Kunst einen Konnex von Mimesis und Konstruktion darstellt, dann bekäme man es schon in dieser Doppelausstellung an vielen schönen Stellen.

Griedervonputtkamer, Sophienstraße 25, bis 1. November, Dienstag bis Sonnabend 11 – 18 Uhr.

Thomas Schulte, Mommsenstraße 56, bis 1. November, Montag bis Freitag 11 – 18 Uhr, Sonnabend 11 – 15 Uhr.

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