Kultur : Der Zorn der späten Jahre

Kein Frieden mit der Bundesrepublik: Die alte Ost-Punkband Skeptiker und ihr neues Album

Jan Oberländer
303140_3_xio-fcmsimage-20091003154651-006000-4ac755cb2dfec.heprodimagesfotos86220091002skeptiker_2009_.jpg
Veteranen des Politrock. Die Skeptiker gründeten sich 1986 in Ost-Berlin. Nach mehreren Umbesetzungen sind sie heute eine...

Ob er wählen war, sagt Eugen Balanskat nicht. Nur so viel: „Ich fühle mich von keiner der zur Wahl stehenden Parteien vertreten. Von gar keiner.“ Auch zwanzig Jahre nach der Wende hat der Sänger und Texter der Skeptiker, einer der bekanntesten Punkgruppen der späten DDR, keinen Frieden mit dem wiedervereinigten Deutschland geschlossen. Dabei wirkt Balanskat, Jahrgang 1959, im Gespräch überhaupt nicht wie ein hasserfüllter Außenseiter. Lederschuhe, Trenchcoat, Schal, ein schlohweißer Mittelscheitel überm breiten Grinsen. Ein politischer Eiferer ist Balanskat nur auf der Bühne – dann allerdings mit Freuden.

„Fressen und Moral“, das am Freitag bei Rozbomb / Cargo Records erschienene neue Album der Skeptiker, klingt in seiner Wut auf die Verhältnisse fast wie der Soundtrack zum Wahlerfolg der Linkspartei: „Die großen Bosse der Industrie / lachen so schamlos wie vorher noch nie“, heißt es an einer Stelle, in schneidendem Tenorton gesungen. Und weiter: „Es gibt ein Gerechtigkeitsproblem / Die Kleinen hängen, die Großen können gehn.“ Solche Zeilen sind polemisch, ja. Es sind Parolen, klar. Aber wer wollte sagen, sie passten nicht in die Zeit.

Bedeutet Balanskat der Begriff „Punk“ überhaupt etwas? „Das ist für mich nicht mit modischen Äußerlichkeiten verbunden, sondern eine Haltung, ein Lebensgefühl“, sagt der gebürtige Ost-Berliner. Es gehe darum, Machtverhältnisse zu hinterfragen. Darum, nicht akzeptieren zu wollen, dass die Dinge sind, wie sie sind. Seit Gründung der Skeptiker 1986 singt Balanskat gegen Überwachungsstaat, Neonazis und soziale Kälte an. Für ihn hat sich nicht viel verändert seit damals. Im Gegensatz zu vielen anderen Punkbands hatten die Skeptiker in der DDR eine Auftrittserlaubnis, sie durften sogar ihr erstes Album „Harte Zeiten“ bei der Monopol-Plattenfirma Amiga veröffentlichen. Dabei sind die Songs auf dem kurz nach der Maueröffnung aufgenommenen Debüt alles andere als angepasst: „Keiner will Veränderungen / Aus der Etabliertenschicht“, oder: „Keiner kann das, was er möchte / Aber ihr, ihr könnt uns mal!“ In den letzten Jahren der DDR haben die Skeptiker diese Lieder vor begeistertem Publikum gespielt. „Wir wollten testen, wo die Grenzen sind – und dann den Spielraum erweitern“, sagt Balanskat. „Und das hat wirklich geklappt.“

Probleme mit dem Staat gab es selten. Höchstens, dass mal ein Konzertsaal abgeschlossen war, weil die örtlichen Behörden etwas gegen die Skeptiker hatten. Denn unter Beobachtung stand die Band. Noch heute kommen Balanskat die Tränen, wenn er erzählt, wie eine Frau, in der er früher verliebt war, ihm nach einer gemeinsamen Nacht einen Zettel schrieb: Ich soll dich für die Stasi bespitzeln, aber das will ich dir nicht antun, darum breche ich den Kontakt ab. Ob es eine Akte über ihn gibt? „Ich gehe hundertprozentig davon aus“, sagt Balanskat. „Angefordert habe ich sie noch nicht. Aber ich will’s noch tun.“

Unmittelbar nach der Wende lösten die Skeptiker sich auf. Balanskat machte unter gleichem Namen mit anderen Musikern weiter – zum zwanzigjährigen Bandjubiläum 2006 aber spielte die Originalformation zwei ausverkaufte Konzerte im Berliner SO 36. Nach mehreren Umbesetzungen und insgesamt neun Alben sind die Skeptiker heute eine „gesamtdeutsche Band“, wie Balanskat selbst sagt. Neben den Gitarristen Lars Rudel und Tom Schwoll sind Bassist Mathias Kahle und Schlagzeuger Andy Laaf dabei, der allerdings auf der heute beginnenden Tour von Ex-„Knorkator“-Trommler Nicolai Gogow vertreten wird.

Leben kann Balanskat nicht von der Musik – im Gegensatz zu anderen alten DDR-Punkern, etwa einigen ehemaligen Mitgliedern der Band Feeling B, die mit den Kraftrockern von Rammstein den internationalen Durchbruch schafften. Er jobbt als Veranstaltungshelfer, im Messebau, bei Umzügen – „sich über Wasser halten eben“. In seiner widerborstigen Beharrlichkeit erinnert Balanskat an amerikanische Punk-Veteranen wie Bad Religion oder die Dead Kennedys – ein bisschen weniger intellektuell vielleicht, aber genauso zornig.

Die Wende 1989 hat diesen Zorn nicht gedämpft. Auf dem Album „Sauerei“ von 1991, einem Meilenstein im deutschsprachigen Punkrock, resümierte der Sänger damals enttäuscht: „Hinter den Mauern der Stadt / Da sollte ein Paradies sein / Aber hinter den Mauern der Stadt / Da brach nur die Kälte herein.“ Balanskats Antwort auf ein neu erstarktes nationales Selbstbewusstsein war ein radikales „Deutschland, halt’s Maul!“ Heute wie damals spielen die Skeptiker souveränen, treibenden Punkrock, der unverwechselbar wird durch Balanskats aggressives Tremolo. Die Melodien sind eingängig, werden aber immer wieder durch klirrende Gitarren ungemütlich gemacht. Dazu gibt es auch Mitsingpartien, stimmungsvolle Kampflieder, etwa gegen „getarnte Faschisten“: „Stehn wir zusammen, gehn wir dagegen.“

Politische Texte schreibt Balanskat seit über zwanzig Jahren. Aber dass die Skeptiker auch heute noch auf Autonomen-Hits wie das von den Berliner Maikrawallen inspirierte „Straßenkampf“ reduziert werden, nervt den Sänger. Hat er nicht auch Rilke oder die Dadaisten besungen und sich mit Schlagern wie „Ein Lied geht um die Welt“ vor den Chansonniers der dreißiger Jahre verneigt? Ist der Titel des neuen Albums nicht eine Brecht-Anspielung? Gibt es darauf nicht, 2000 Jahre nach der Varusschlacht, mit „Arminius“ eine anspielungsreiche David-schlägt-Goliath-Parabel? Die Skeptikersind keine Steinewerfer-Band.

Und Eugen Balanskat ist kein Prediger. Er ist Kritiker, ein Skeptiker eben. Ideologien sind ihm fern, Lösungen hat er auch nicht anzubieten. Nach dem „No future“ der England-Punks, nach dem von den Autoren Michael Boehlke und Henryk Gericke nachträglich geprägten „Too much future“ der von sozialistischen Lebenslauferwartungen eingeengten DDR-Subkultur weiß Balanskat keinen neuen Weg – höchstens den in eine diffuse Transzendenz: „Nicht in der Heimat, nicht in der Ferne / Liegt unsere Zukunft am Rande der Zeit.“ Der Mensch, sagt Balanskat, hat ein riesiges Potenzial. Und doch wird er scheitern. Weil er sich nicht ändern wird.

Die Skeptiker spielen am 12. 12. im SO 36.

0 Kommentare

Neuester Kommentar