Kultur : Der Zufall entscheidet

Matthias Wittekindt verspürt einen „Sog“

Harald Martenstein

Die spannendste aller Geschichten handelt vom eigenen Leben. Nach welchem Rezept mischen sich der Zufall, die Gene, der historische Moment, wie kommt es, dass man zu einem bestimmten Moment in einer bestimmten Stimmung an einer bestimmten Stelle ist, jemanden kennen lernt, jemanden verlässt, das eine Angebot annimmt, das andere ausschlägt? Wie kommt dieses Wesen zustande, das man „ich“ nennt? Wie wäre es geworden, wenn man an dieser oder jener Kreuzung den anderen Weg genommen hätte? Mit solchen Fragen beschäftigt sich Literatur, seit es sie gibt. Auch Matthias Wittekindt tut es in seinem Roman „Sog“.

Der Künstleragent Stephan Seiters, 44 Jahre alt, fährt mit dem Zug von Potsdam nach Paris. Er will dort seine 17-jährige Tochter treffen, die er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hat. Seiters stoppt in Köln, geht in eine Bar und schläft mit einer Prostituierten. Seine Freundin ist von ihm schwanger, aber das weiß er noch nicht. Während Seiters weg ist, wird diese Freundin sich mit einem Mann treffen, der seit langem um sie wirbt. Sie weiß nicht, ob sie das Kind, ob sie Seiters haben will. Andererseits ist sie schon 38. Beider Leben steht auf der Kippe.

Der Knoten zieht sich zusammen

Stephanie Seiters, die Tochter, soll mit der Schule aufhören und einen Beruf lernen. Ihre Mutter und ihr Stiefvater stoßen sie aus dem Nest. Jean, der Stiefvater, hat sich verändert, auch er spürt plötzlich die biologische Uhr. Er will jetzt doch noch ein eigenes Kind mit Carolin, der geschiedenen Frau von Stephan Seiters. Stephanie erinnert sich plötzlich wieder an ihren leiblichen Vater, ruft ihn an. Auch hier zieht sich der Knoten verschiedener Lebensfäden zusammen. Im ICE Ricarda Huch von Berlin Richtung Hannover sitzt, nicht weit entfernt von Stephan Seiters, auch Sabine Ruthkowski, 42, Lehrerin, attraktiv und einsam, auf dem Weg zu ihrem Therapeuten in Amsterdam. Im gleichen Zug sitzt auch Elsa, eine alte Frau, die sich an einen Moment des Glücks erinnert, den einzigen, mit einem Mann, an dessen Namen sie sich nicht mehr erinnert, der aber der Richtige gewesen wäre. Sie hat es verpasst. Sie wird bald sterben, aber das weiß sie noch nicht.

Es ist ein Buch über die Vierzigjährigen, über letzte Chancen auf der Kippe zwischen Jugend und Alter. Jetzt fängst du noch mal von vorne an – oder niemals mehr. Jetzt kriegst du ein Kind oder nie. Jetzt wirst du die Dämonen deiner eigenen Kindheit los oder nie. Es hängt fast alles von Zufällen ab.

Wittekindt, Jahrgang 1959, arbeitet als Architekt und Drehbuchautor, er ist Träger des Berliner Architekturpreises. Sein erster Roman erzählt erwartungsgemäß „filmisch“, beim Lesen spürt man die Schnitte, ahnt Überblendungen, erkennt das Split-Screen-Verfahren, bei dem verschiedene Szenen gleichzeitig auf der Leinwand zu sehen sind. Es klingt, als ob der Autor einen Film erzählt, den er kürzlich gesehen hat.

Literaturkritiker mögen so etwas normalerweise nicht. Sie wittern zu Recht die Missachtung dessen, was Literatur ausmacht: Sprache. Die Dinge hinter den Bildern und hinter der Story. Aber Wittekindts Erzählen erschöpft sich nicht in der filmischen Methode, sondern fängt damit erst an. „Sog“ besitzt Tempo, Rhythmus, Suggestionskraft, Lakonie, dann wieder Pathos, das Buch ist mehr als einfach nur ein in Prosa übertragener Film, es ist ein souveränes Sprach- und Stilwerk, ein Roman, der den Alltag wie eine atemlose Kriminalgeschichte erzählt und die Lebenskrisen seiner Figuren mit Suspense und Geheimnis auflädt, als sei es eine Story von Hitchcock. „Sog“ macht mit Hilfe von Sprache alltägliche Lebenskrisen zu dem, was sie für jeden sind, dem sie widerfahren: welterschütternde, schwer durchschaubare Dramen. Wird das Kind geboren oder abgetrieben? Wird Stephanie ihrem Stiefvater den Kinderwunsch verzeihen? Wird Sabine Ruthkowski lernen, worauf es ankommt, und worauf kommt es an?

Der Autor blickt auf seine Figuren von weitem, wie jemand, der im Kino sitzt. Er lässt sich aber, wie im Kino, von ihnen berühren. Das macht die eigentümliche Tonlage des Romans aus. Ein sentimentaler Naturalismus.

„Sog“ ist kein ironisches Buch.

Es ist auch ein Buch über die Zeit. Weil wir der Zeit ausgeliefert sind, sie aber nicht verstehen können, ist „das Leben letztlich etwas Abstraktes“, wie Wittekindt schreibt. „Es gibt keine sinnliche Beschreibung der Zeit.“ Er versucht es. Einerseits verlaufen die Handlungsstränge gleichzeitig und werden so beschrieben: „Alle Dinge geschehen in einer Art Raum.“ Andererseits beschwört „Sog“ die Erinnerung seiner Figuren, ein chaotisches Archiv von Momentaufnahmen, Trümmer von Zeit, die nach unbekannten Regeln ausgespuckt werden und unsere Handlungen in der Gegenwart mitbestimmen. Im Aggregatzustand „Erinnerung“ aber wird Zeit auf einmal konkret. Stephan Seiters wäre als 13-Jähriger fast ertrunken. Die Erinnerung an einen Sog taucht immer wieder in ihm auf, sie ist Teil von ihm. Als er seiner fremden Tochter gegenübersitzt, die sich mit Selbstmordabsichten trägt, spricht sie über das Gefühl, unter Wasser zu sein, über den Sog. In dieser Sekunde entscheidet sich das Verhältnis zwischen Vater und Tochter. Eine gemeinsame Empfindung verbindet stärker als eine gemeinsame Meinung.

Auch an den Dingen klebt auf geheimnisvolle Weise Leben. Seiters geschiedene Frau wirft das letzte Kinderspielzeug ihrer 17-jährigen Tochter in den Müll, einen gelben Mond aus Stoff mit Spieluhr. Das ist ein herzzerreißender Moment, eine Art Weltuntergang. Seiters malt Linien auf Papier. Eine Gewohnheit. Vielleicht hängt es mit dem Sog zusammen. Als seine Frau ihm sagt, dass sie ihn verlassen und die Tochter mitnehmen wird, malt er gerade und kann sich nicht wehren. „Die Linien bedeuten Stephan Seiters so viel, dass er ihretwegen vor fünfzehn Jahren sein Kind hergab. Ohne viele Gedanken, denn er war woanders.“

„Sog“ ist ein ziemlich großartiger Roman.

Matthias Wittekindt: Sog. Roman. Eichborn, Frankfurt a.M. 2004. 190 S., 18,90 €.

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