Kultur : Der zweite Blick

Momentaufnahmen aus China: Fotografien von Lu Yuanming in Berlin

Kirsten Wächter

Grellbunte Farben assoziierte der junge Kurator Stephan Koal mit zeitgenössischer chinesischer Fotografie, als er im Auftrag von C/O Berlin nach Shanghai reiste. Was er aber eines Morgens auf dem Küchentisch seines chinesischen Assistenten fand, sah anders aus: Großstadtszenen aus der Megalopolis – in Schwarzweiß. Jeweils zwei nacheinander folgende Aufnahmen hat der Fotograf Lu Yuanming wie in einem Kontaktverfahren nebeneinander projiziert.

Das Fotografieforum C/O Berlin präsentiert nun rund 30 dieser Arbeiten unter dem Titel „Everyday Life“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe „China.Change“: lauter Momentaufnahmen der gesellschaftlichen Veränderungen in China.

Lu Yuanming belässt die Filmperforation des Negativstreifens bewusst auf den Bildern und betont damit ihren Reportagecharakter. Auch Magnum-Fotografen wie Abbas arbeiten mit einem schmalen schwarzen Rand, der belegt, dass das Negativ nicht beschnitten wurde. Die Perforation ist bei Lu Yuanming aber auch künstlerisches Konzept: Der Fotograf schafft auf diese Weise einen gemeinsamen Bezugsrahmen für das jeweilige Bilderpaar. Er zeigt zwei Aufnahmen, die zwangsläufig miteinander kommunizieren. Die Geschichten, die sie erzählen, fließen ineinander, der Betrachter wird aufgefordert, ein drittes, eigenes Bild zu schaffen.

So wird der gerade noch erhaschte Blick durch sich schließende Aufzugtüren ergänzt durch eine in sich versunkene, auf den Fahrstuhl wartende Frau. Auf dem kurzgeschorenen Rasen eines Parks schläft ein Obdachloser, daneben eine muskelprotzende kommunistische Statue, die Weltkugel tragend. Es ist die Mimik der Menschen in Lu Yuanmings Bildern, die eine unterschwellige Kritik am herrschenden System formuliert. Denn der überall beschriebene Wandel der Volksrepublik spiegelt sich in ihnen kaum wider. Er findet sich höchstens in den großstädtischen Ansichten: überdimensionierte Werberiesen und Hollywoodschönheiten – der oberflächliche Glanz eines westlich und luxusorientierten Chinas. Dagen hält Lu Yuanming den Status quo: Seine Scharzweißaufnahmen erzählen eindringlicher davon, als alle Farbe es könnte.

„Everyday Life“, C/O Berlin, Linienstr. 144, Mitte, bis 15.8., täglich 11–19 Uhr

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