Kultur : Der zweite Blick

Frank Noack

macht sich Gedanken über Nachrufe Soll man es bedauern oder begrüßen, dass Künstler die Nachrufe nicht mehr lesen können, die über sie verfasst werden? Einerseits würden sie endlich erfahren, dass sie insgeheim doch geschätzt wurden. Andererseits müssten sie sich fragen, warum ihnen das Lob nicht schon zu Lebzeiten zuteil wurde. Solche Fragen wirft der Fall des kürzlich verstorbenen DEFA-Regisseurs Lothar Warneke auf, der vor der Wende hohes Ansehen genoss und dann ins Abseits geriet. An ihn wird in diesen Tagen mit zwei Filmen erinnert. Die Beunruhigung (1982) handelt von einer Frau (Christine Schorn), die sich mit der Möglichkeit einer Krebserkrankung auseinander setzen muss. Einer trage des anderen Last (1988) spielt in einem Sanatorium für Lungenkranke. In beiden Fällen ging es Warneke nicht um eine Bewertung des DDR-Gesundheitssystems – die hätte ohnehin nicht kritisch ausfallen dürfen – , sondern um Menschen in einer Krisensituation. (Heute und morgen im Blow Up)

Warneke konnte mit seiner Vorliebe für stille Alltagsdramen nicht auf dem freien Markt bestehen. Das Publikum will Blut und Spiele, es will sich erschrecken und Spaß haben. Beim Holocaust verbietet sich das. Daniel Ankers Dokumentarfilm Imaginary Witness: Hollywood and the Holocaust (heute im Arsenal) untersucht das schwierige Verhältnis der US-Filmindustrie zur Shoah. Hollywood? Die Filmstadt ist längst kein geschlossenes System mehr. „Schindlers Liste“ und „Der Pianist“ wurden in Europa mit amerikanischem Geld und überwiegend europäischen Teams gedreht – wie schon Fred Zinnemanns The Search (1948) mit Montgomery Clift, ein anrührendes Porträt von Kindern, die Auschwitz überlebt haben. Man sollte aufhören, Hollywood als Schimpfwort zu benutzen. (Heute im Zeughaus-Kino)

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