Kultur : Der zweite Flügel

Frauen? Werden sich kaum finden unter den Repräsentanten, die ab übermorgen in Bonn über Afghanistans Zukunft verhandeln. Zwar hat ein Sprecher der Nordallianz kürzlich bedauert, dass die Taliban "aus unserem Land einen Vogel mit nur einem Flügel gemacht" hätten. In "Afghanistan", diesem nur auf dem Papier existierenden Staat, gibt es seit fünf Jahren keine Frauen mehr in der Öffentlichkeit. Eine Männerfantasie, eine nahezu psychotische "Junggesellenmaschine". Der Vogel ist flugunfähig - Soziologen würden sagen, die Gesellschaft sei dysfunktional. Keine Gesellschaft des 21. Jahrhunderts kann zivilisiert genannt werden, solange Frauen ausgeschlossen bleiben. Die Ausgegrenzten - dazu brauchen wir weder Cherie Blair noch Barbara Bush zu hören, die sich nun für sie einsetzen - wollen mitzeichnen an der neuen Architektur Afghanistans. Sie äußern das explizit. 70 Prozent der Lehrer, 50 Prozent der öffentlichen Angestellten und 40 Prozent der Ärzte in Afghanistan sind weiblich. Unter den Taliban durfte keine von ihnen ihren Beruf ausüben.

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Abdullah Abdullah, "Außenminister der Nordallianz", hat erklärt, einen Burka-Zwang werde es unter der nächsten Regierung nicht geben. "Kopftuch genügt." Es gibt auch Frauen in Afghanistan, die nicht mal ein Kopftuch tragen wollen, sondern am liebsten nur den eigenen Kopf. Dass die Nordallianz keine haltbare Allianz ist und den Frauen nur ein paar Federn, aber nicht den ganzen Flügeln lassen will, wissen alle, die sich mit der Situation näher befassen. Auf dem Bonner Petersberg werden internationale Politiker sich darum bemühen, dass die afghanischen Männer sich einigen. Alle Überredung und Versprechungen - Subventionen, Aufbauhilfe, Waffen - können die fixen Symbolsysteme nicht über Nacht ändern. Man kann nur darauf drängen, dass ein Uno-Protektorat entsteht, das ist der kleinste gemeinsame Nenner. Und wird sich als der größte, beste für die international community erweisen. Viel Geld wird dann für Truppen, Straßen, Schulen, Hospitäler fließen. Ob Mädchen und Frauen ganz oben auf der Agenda sein werden, ist fraglich. Man möchte den Verhandlungspartnern ja keine zu problematischen Auflagen machen.

Vielleicht sollte Mrs. Rowling, die "Harry Potter"-Autorin, einen kleinen Betrag ihres Millionerlöses für ein Mädchenprojekt der Unicef abzweigen. Sie will die Fantasie und Freiheit der Kinder beflügeln. Und könnte es dort tun, wo beides für die Hälfte der Kinder verboten war. Vielleicht schreiben Sie ihr.

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