Kultur : Der Zwerg wächst

Die 9. Art Rotterdam setzt auf junge Kunst und günstige Kredite

Christiane Meixner

Soll keiner glauben, dass dieser Mann nicht mehr kämpfen kann. Zwar hält er die Knarre nur mühsam zwischen seinen Gichtfingern, doch der Blick meint es ernst mit jedem, der sich zu weit in Nevadas Ödland hineinwagt.

Roderik Henderson hat es dennoch getan und wunderbare Fotografien in der Tradition eines Stephen Shore mitgebracht.Die blassbunten Porträts (3er-Edition, je 2800 Euro) schmücken die Koje der Galerie Van Wijngaarden Hakkens aus Amsterdam: Sie sind rar, weil der niederländische Künstler über Jahre dort lebt, wo er fotografiert, und langsam Vertrauen aufbaut. Und sie sind so etwas wie ein Symbol der Art Rotterdam, weil in ihnen das Prinzip dieser Kunstmesse aufscheint: eine leise, pointierte und zutiefst sympathische Veranstaltung.

Mit 75 Galerien aus zehn Ländern, darunter Deutschland, der Schweiz (Haas & Fischer) oder Irland (Mother’s Tankstation) zählt die Art Rotterdam zu den kleinen Messen. Ein Sol Lewitt taucht als Auflagenobjekt (Kunsthandel Meijer, 2500 Euro) auf, Stars wie Daniel Richter (Grimm Fine Art) oder Norbert Bisky (Cokkie Snoei) sind vorrangig mit Zeichnungen präsent. Andy Warhols schwarzweiße „Jackie Kennedy“, ein Siebdruck von 1966 (Willem Baars Art Consultancy, 26 000 Euro) verkaufte sich am ersten Abend – auch wenn man zur Eröffnung keinen der Supersammler sah. Dieses Feld bleibt unbespielt, stattdessen dominieren jene Interessenten, die die Art Rotterdam nun im neunten Jahr treu um sich schart: potente Käufer aus dem gesamten Benelux-Bereich, Museumsleiter, Kuratoren.

Eine Galerie wie Upstairs aus Berlin nimmt deshalb zum dritten Mal teil. „Wir verkaufen gut“, meint Aeneas Bastian. Mehrere institutionelle Ausstellungen für seine Künstler hat er hier ebenfalls schon eingefädelt. Ein paar Kojen weiter schwitzt Alexander Lorenz, der seine Frankfurter Räume erst im vergangenen August eröffnet hat. Mal sehen, sagt er, wie seine Künstler hier ankommen. Wenig später kleben die ersten roten Punkte an einer Zeichnung von Peter Welz und einem Foto von John Clayman, das an eine niederländische Privatsammlerin ging. Junge Galerien mit junger Kunst stehen im Fokus der Messe. Ihnen hilft man mit kostenfreien Unterkünften und einer neuen Satellitenmesse im alten Postgebäude, die Artists Anonymous (Berlin), Fette’s Gallery (Los Angeles) und Saarts Emering (Johannesburg) zusammenbringt. So summiert sich die aktuelle Szene am Ende eindrucksvoll, und wer wissen will, welche aufregenden Projekte gerade in aller Welt stattfinden, ist ausgerechnet in Rotterdam an der richtigen Adresse.

Ein Darlehen, das der Sammler bei seiner Bank anschließend zinsfrei abstottert, soll den Kunstkauf zusätzlich ankurbeln. Das Angebot gilt zwar nur für niederländische Steuerzahler und ausgewählte niederländische Galerien. Es zeigt aber, wie man klug kulturwirtschaften kann. Aus ökonomischer Perspektive mag die Art Rotterdam ein Zwerg sein. Aber einer mit Wachstumspotenzial, der weiß, wie man sich im harten Wettbewerb der Kunstmärkte wappnen und wehren kann.

Art Rotterdam, noch bis 10. Februar, www.artrotterdam.com.

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