Kultur : Des brüllenden Wahnsinns zweiter Teil

Ruth Fühner

Keine Klassiker, kein Avantgardetheater, sondern "Modelle" für die theatralische Welterklärung wollen die beiden Lokalmatadore Tom Kühnel und Robert Schuster herstellen. Ihr Experiment "Das Welttheater" ist gleich eine mehrfache Übererfüllung dieses Solls. Vier Autoren schreiben an diesem Fortsetzungsstück. Das Personal besteht aus vier Männern und vier Frauen, durch farbige Masken jeweils paarweise einem der vier Temperamente zugeordnet: Phlegmatiker, Choleriker, Melancholiker und Sanguiniker. Dieses Modell, "Antike Charakterlehre", lässt sich auch problemlos auf die Autoren übertragen.

Eine Hochzeit steht an: Andi, nach zwei Jahren aus irgendeinem fernen Krieg heimgekehrt, will Biggi heiraten, die aber hat inzwischen was mit seinem Bruder Micha. Verantwortlich für das strenge existenzialistische Exerzitium des Beginns ist der Phlegmatiker unter den beteiligten Dramatikern, Roland Schimmelpfennig. Uwe schwärmt für Biggi, aber seine Chancen sind gleich null: Beide kennzeichnet die blaue Maske als Melancholiker, und bekanntlich ziehen sich nur Gegensätze an.

Andi wird in der zweiten Folge, in welcher der Choleriker Marius von Mayenburg mit einer Bohrmaschine für Action sorgt, von Mischa in den Keller gesperrt. Im dritten Teil von Soeren Voima (dem melancholischen Frankfurter Kollektivautor, zu dem auch das Regiegespann Kühnel/Schuster gehört) sind Biggi, Babsi und Melanie unversehens zu Wiedergängerinnen von Tschechows "Drei Schwestern" mutiert. Babsi landet schließlich statt in Moskau im Keller bei Andi.

Aber vielleicht ist ja alles ganz anders. Vielleicht sind sie ja alle Zombies, eingesperrt in ein Videospiel, an einem Ort, den es auf keiner Landkarte gibt. Diese - vorerst - letzte Wendung stammt von dem Sanguiniker Albert Ostermaier, der sich damit wieder einmal als Routinier im Verwirrspiel mit den Realitätsebenen bewährt. Mit ihr vervollständigt sich "Das Welttheater" sozusagen zum Hyper-Modell: Höherentwicklung einfacher Organismen bis zu Überhitzung und Wärmetod - oder auch, wahlweise: vom antiken Drama bis zur postmodernen Selbstbezüglichkeit.

War in den drei ersten Teilen dieses "Fortsetzungstheaters" der Schauplatz ein rustikaler Holzkasten mit boulevardesk auf- und zuklappenden Türen (die Bühne baute Jan Pappelbaum), ist es bei Ostermaier eine Filmleinwand. Gegen das quietschbunte Trash-Feuerwerk, das die beiden Regisseure auf ihr entfachen, hat das, was vorher war, keine Chance. Ein grüner Jesus auf rotem Blumenbeet, ein Pony reitender russischer Cowboy. Eine platzende Maske, unter der rohes Fleisch und Gewürm sichtbar werden, schließlich gar eine quittenmarmeladetriefende Softpornoszene - sie überbrüllen den Versuch, dem kopfgeborenen Experiment mit theatralischen Mitteln auf die Beine zu helfen.

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