Kultur : Des Dichters letzter Kneifer

BETTINA SCHULTE

Tschechow mochte Badenweiler nicht.Seine von Vorurteilen genährte Ahnung, daß es in dem mondänen Kurort zu Füßen des Schwarzwalds "sehr heiß und sehr langweilig" sein werde, trog ihn nicht."Ich lebe unter den Deutschen", schrieb er an seine Schwester Mascha am 29.Juni 1904, "habe mich bereits an mein Zimmer und die Lebensweise gewöhnt, kann aber die Stille und Ruhe einfach nicht vertragen.Im Haus und außerhalb ist kein Ton zu hören, nur um 7 Uhr und mittags spielt im Park Musik, reich, aber sehr unbegabt.Man verspürt keinen Funken Talent, in nichts, keinen Funken Geschmack, dafür aber Ordnung und Ehrlichkeit im Überfluß."

Badenweiler, wo es immer noch still und ruhig und langweilig zugeht, läßt sich nicht abhalten, Anton Pawlowitsch Tschechow zu mögen, auch wenn der Dichter nur dorthin kam, um zu sterben.Drei Wochen im Sommer 1904, die letzten im Leben des "gütigen Menschen und Arztes, des großen Schriftstellers" (Inschrift auf einem am Schwanenweiher im Kurpark errichteten Gedenkstein) reichten aus, um auf das verschlafene Hoteldorf für immer den Glanz des weltberühmten Dramatikers und Erzählers fallen zu lassen.Ein Gipfel in der schon neun Jahrzehnte währenden "Gedenkpflege" - Lieblingswort aller badischen Tschechow-Verehrer - ist nun erklommen.Seit dem 21.Juli, 94 Jahre und sechs Tage nach Tschechows sanftem Herztod im damaligen Hotel "Sommer", heute Reha-Klinik Park-Therme, besitzt Badenweiler das laut Mitteilung der Gemeinde "einzige und erste Tschechow-Museum in der westlichen Welt".

Ein Heer von deutsch-russischen Papierfähnchen stand Spalier, rot-gelbe Lampions zogen eine Spur durch den schwülen Frühabendhimmel; an "Russischem Salat mit Variationen", anderen einschlägigen Köstlichkeiten und etlichen Flaschen Moskovskaja auf Eis mußte vorbeidefilieren, wer sich am Eröffnungstag tatsächlich für Badenweilers "Tschechow-Salon" im Untergeschoß des unauffällig, aber breitflächig in die Hügellandschaft hineinbetonierten Kurhauses interessierte.Es wehte ein Hauch, ach was, ein handfestes Lüftchen von ostwestverbindendem Volksfest über dem "stolzen Tag für Baden-Württemberg" (Staatssekretär Christoph E.Palmer).Der Direktor des Marbacher Literaturarchivs, Ulrich Ott, beim Knüpfen eines Netzwerks der literarischen Geographie im "Ländle" einen gehörigen Schritt weiter, die Vorsitzende der als Sponsor für Tschechow tätigen Kultur-Stiftung der Deutschen Bank, Brigitte Seebacher-Brandt, und die im Getümmel etwas verloren wirkende Schriftstellerin Gabriele Wohmann ("Frühherbst in Badenweiler") machten den Tag noch stolzer: fast schon zum Ereignis.

Was aber steckt in der Freude Kern? Tschechows (letzter?) Kneifer, original, immerhin.Das bekannteste Porträt des "subtilen Analytikers menschlicher Beziehungen" (Virginia Woolf) aus der Sankt Petersburger Galerie Tretjakow in einer Reproduktion.Fotos, eine Schenkung aus Moskau.Dann aber: das, was die Gemeinde Badenweiler seit den 50er Jahren in anhänglicher "Gedenkpflege" gesammelt und "Projektleiter" Heinz Setzer, Slawist an der Universität Tübingen, in auf engem Raum nicht sofort erkennbare vier Abteilungen gegliedert hat: Dokumente zu Tschechows Aufenthalt und, vor allem, zur Nachwirkung am Ort seines Sterbens.

Diese setzte, erstaunlich genug, früh ein.Sie zeugt allerdings weniger von deutschem Interesse an dem erst seit Beginn der 60er Jahre für (West-)Europa entdeckten Dramatiker, als vom regen russischen Reiseverkehr in Baden am Anfang dieses Jahrhunderts.Turgenjew und Dostojewski trafen und verfehlten sich in Baden-Baden.1908 wurde in Badenweiler das erste Denkmal für Tschechow unter Anteilnahme einer großen Menschenmenge feierlich enthüllt.Die schlichte Bronzebüste war das Ergebnis russisch-badischer Diplomatie.Zusammengewirkt hatten der russische Gesandte am badischen Hof in Karlsruhe und Großherzog Friedrich I.persönlich: ein schönes Stück europäischer Kulturpolitik im wilhelminischen Deutschland.Zehn Jahre später wurde der Kopf eingeschmolzen.Der Krieg brauchte Metall.Seit 1992 steht auf dem alten Sockel ein neuer Tschechow: per Lastwagen über 22 000 Kilometer von der Insel Sachalin hergeschafft, gestiftet vom dortigen Tschechow-Museum.

Über 30 Ordner mit 5000 Archivalien haben die emsigen Badenweilerer zusammengetragen.Nur knapp acht Prozent davon liegen jetzt unter Glas.Warum so wenig, ließe sich fragen, wenn nicht anzunehmen wäre, daß es sich überwiegend um Presseberichte zu den zahllosen Aufführungen von Tschechow-Dramen handelt.Dafür erfährt man im Museum, daß Badenweiler zweimal schon Austragungsort eines internationalen Tschechow-Symposions war: 1985, zum Gedenken an den 125.Geburtstag, und 1994, zum Gedenken an den 90.Todestag.Und man wird gewahr, wie sehr Badenweiler die Dichter angezogen hat: Stephen Crane war sieben Tage da, bevor er starb, Hermann Hesse, der sich über das "affenhafte Kulturleben" aufregte, zu einer zwölfwöchigen Kur, René Schickele und Annette Kolb haben Haus an Haus gelebt.

Eine druckfrische Marbacher Broschüre, die einen Museumskatalog bis auf weiteres ersetzt, räumt mit der Legende auf, Tschechow habe in der Nacht zum 15.Juli 1904 ein Glas Champagner verlangt und dann angekündigt: "Ich sterbe." Die letzten Worte vom Dichter des Einzelnen in orientierungsloser Zeit sind zwar überliefert.Den Schaumwein verabreichte jedoch der Arzt als letztes Mittel zur Herzbelebung."Es war ein wunderbarer Tod, ohne Agonie, ohne Leiden", schrieb Anton Tschechows Frau, die Schauspielerin Olga Knipper, anderntags an ihre Mutter.

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