Kultur : Des Kaisers alte Kleider

Simone Young und Keith Warner wagen sich in Hamburg an Strauss’ „Frau ohne Schatten“

Christine Lemke-Matwey

Der Schein trügt. Viel bestens situiertes Bürgertum, elegante Fischköpfe, zufriedene Pfeffersäcke, weit gereiste Opernkenner der Generation 70 plus mit jenem untrüglichen Keith-Warner-das-war- der-mit-dem-fantastischen-„Lohengrin“- in- Bayreuth-Blick. Und kaum junge Menschen. Simone Young, die Chefin der Hamburgischen Staatsoper, so möchte man meinen, hat es geschafft. Nicht, dass dies das Publikum ihrer Träume oder unserer Zukunft wäre; aber diesen Leuten müsste es gefallen, mit welcher Konsequenz und wie viel Herzblut sie in ihren ersten beiden Spielzeiten den Richtungswechsel an der Hamburgischen Staatsoper vollzogen hat. Weg von den Metzmacherischen Konzepttaten hin zu einem wieder besser verträglichen, internationaleren Operntheater. Gerade letzte Woche hat Placido Domingo hier auf ein umjubeltes Wagner-Konzert vorbeigeschaut. Was will man mehr.

Denkste. Fast viereinhalb Stunden lang dümpelt Richard Strauss’ „Frau ohne Schatten“ ohne größere Erregungen vor sich hin. Die Sänger mühen sich, die Pausenhäppchen kreisen, die Szene siecht an Lieblosigkeit dahin, das Stück offenbart (ungestrichen!) schauderhafte Längen, die symbolistisch verschwurbelte Parabel um zwei Paare und wie diese zueinander finden, ruft klebrige Gefühle hervor, der Vorhang fällt – da brechen endlich alle Dämme. Eine Sturmflut der Empörung, in der bis ins letzte Glied jede und jeder ihr Fett abkriegt. Allen voran Gabriele Schnaut für ihre Amme: Eine, pardon, abgetakelte Hochdramatische, die keine Linie, kaum einen Ton noch halten kann, entsprechend outriert, chargiert, grimassiert, Augen rollt, Backen bläst, alle und alles überschreit. Das Ganze mit solcher Inbrunst, solcher nach wie vor fulminanten Physis, dass die Partie am Ende in Scherben liegt, zerschmettert, zersungen. Und von der Figur, der Amme als tückisch-tragischer Fädenzieherin, fehlt jede Spur.

Dicht gefolgt wird Schnaut in der Publikumsgunst von Daniel Sumegis Barak: ein Baum von einem Kerl, der leider auch wie Borke singt und seine Hofmannsthal’schen Gutmenschensätze unartikuliert nach innen röhrt. Lisa Gasteen wiederum, die Färberin, wird fürs Forcieren im dritten Akt abgestraft, was insofern ein bisschen ungerecht ist, als ihr im ersten Akt einige der bewegendsten Stellen des ganzen Abends zu verdanken sind („Meine Seele ist satt geworden der Mutterschaft“). Und während die kleineren Partien wie Geisterbote (Jan Buchwald), Falke (Irena Bespalovaite) oder Hüter der Schwelle (glasklar: Christiane Karg) mit blauen Augen davonkommen, stören das Publikum an Stuart Skeltons Kaiser gewiss die weißlichen Tenorhöhen, das Fehlen jeglichen metallischen Kitzels.

Einzig Emily Magee als Kaiserin (die in der stimmlichen Präsenz zwar keine Leonie Rysanek ist, ihre Sache aber klangschön und klug disponiert zu Ende bringt) will zunächst niemanden recht provozieren. Kaum macht sie darob gespielt erstaunte Miene, klatscht von oben ein extrasaftiges Buh hernieder. Es lebe das Sängersippengericht.

Man kann sich nun fragen, ob es allesamt hartgesottene Metzmacher-Menschen sind, die so auf die Barrikaden steigen, Ideologen in Sachen Frankfurter/Stuttgarter Musiktheater-Schule. Mag sein. Mindestens so wahrscheinlich aber, dass sich das hanseatische Publikum einfach um das Stück betrogen sieht, ums großglitzernde Strauss’sche Kitschpanorama – mit Recht. Natürlich ist diese Oper unerhört schwer zu besetzen (jedenfalls so lange man am schweren Fach festhält), und vielleicht geht das im Moment auch gar nicht. Der mächtige Rest freilich liegt in Simone Youngs Händen, und selbst sie, sichtbar abgekämpft nach getaner Arbeit, bekommt ihre Packung: für ein seltsam entsagungsvolles, um Nüchternheit bemühtes, tektonisch kaum überzeugendes Dirigat. Wo Strauss und Hofmannsthal im Wagner- Sturmschritt jede Märchenrevuetreppe nehmen, da verweigert sie sich aller Hybris und Häme; wo die Musik unter ihren Klitterungen und Komplexitäten schier zerbirst, da spannt sie erzählerische Bögen. Spannend wird es, wo Young das Progressive ahndet: Wo sie die Färberin schon mal mit Lulu’scher Kälte ausstattet, wo die Klangkonvulsionen in kubistische Cluster münden, das Ländlernde der Menschenwelt sich unter einem kreischenden cantus firmus dreht. Aber das sind vorerst leider nur Stellen, nur Inseln der Beredsamkeit.

Szenisch hat die „Frau ohne Schatten“ vieles überlebt, vom Kabuki-Theater über die Abtreibungsklinik bis zur bürgerlichen Psychohölle. Regisseur Keith Warner wählt, was allzeit geht, die Abstraktion. Ein gestirnter Himmel fürs Kaiserpaar, Rinderschädel und Farbgemansche für die Färbersleut’, Räume, die sich labyrinthisch schachteln (Bühne Kaspar Glarner), zischende Bratpfannen, eine tote Gazelle. Und viel leeres Stellungsspiel. Eingangs des dritten Aktes finden sich die Figuren dann allerdings in einer U-Bahn-Station wieder („Keikobad“), wird die strampelnde Amme im Rettungswagen (!) abtransportiert. Das Finale schließlich grüßt mit blöder Ironie: als Postkartenidyll zur Kirschblütenzeit. Selten geht man ausgerechnet aus diesem Stück dümmer wieder heraus, als man hereingegangen ist. Hamburg schafft das. Und der Saal revoltiert. Noch, so scheint es, ist die Oper nicht verloren.

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