Kultur : Des Kaisers letzter Kanzler

Lothar Machtan beschreibt das tragische Leben von Max von Baden.

Berthold Merkle

Max von Baden war für knapp fünf Wochen Reichskanzler. Mit diesem so kurzen wie erfolglosen politischen Einsatz ist der Adlige der Nachwelt in Erinnerung geblieben. Das tragische Leben des Prinzen zeichnet der Historiker Lothar Machtan in einer Biografie nach. Der Bremer Historiker bewegt sich in seiner spannenden Schilderung geschickt zwischen den beiden Fixpunkten: die versteckt gelebte Homosexualität und die reaktionären politischen Ansichten des Protagonisten. Es gehört wohl zum großen Missverständnis dieses Lebens, dass Max von Baden wegen seiner „weichen Natur“, wie es damals umschrieben wurde, erpressbar war und auch von Wilhelm II. als „Bademaxe“ verhöhnt wurde. Andererseits galt er als liberaler und fortschrittlicher Geist, der er in Wirklichkeit überhaupt nicht war.

Obwohl der heutige Schlossherr in Salem keinen Einblick ins Archiv erlaubt hat, konnte der Historiker viele andere Quellen erschließen. Aus den Briefwechseln mit seinen oftmals dubiosen Ratgebern und Freunden wie dem Leibarzt Axel Munthe, Cosima Wagner und dem einflussreichen Prediger Johannes Müller zeichnet der Autor dieses verhängnisvolle Leben nach. Breiten Raum nimmt – ungewöhnlich für eine politische Biografie – die Schilderung der körperlichen und seelischen Nöte des Homosexuellen ein, der um den Schein und das Adelsgeschlecht zu bewahren, dringend Nachkommen zeugen muss. Machtan ist sich sicher, dass die „Nachhilfe“ des Leibarztes sehr persönlich war und die beiden so entstandenen Kinder der Marie Luise von Cumberland zu einem guten Teil bürgerlicher Abstammung waren.

Fürs Militär und vor allem den Krieg konnte der Prinz keine Leidenschaft aufbringen. Die Uniform trug er, weil dies im Kaiserreich für die Adligen obligatorisch war. Aus dem Krieg kam er schon nach wenigen Tagen wieder zurück – er konnte den Lärm und den Schmutz nicht ertragen. Um die öffentliche Meinung zu beruhigen, kümmerte er sich um den Sanitätsdienst in Baden.

Schlüssig argumentiert Lothar Machtan, dass Max von Baden nur deshalb zum Kanzlerkandidaten wurde, weil – bis auf den Kaiser – alle Beteiligten in ihm den idealen Mann sehen wollten. Dieses Wunschdenken entwickelte im letzten halben Jahr des Krieges eine unglaubliche Eigendynamik. Deutlich wird auch, wie perfide die Militärs agierten, indem sie hinter der Hand die Niederlage einräumten, öffentlich aber bis zuletzt in Siegesparolen schwelgten und schließlich die Verantwortung über den verlorenen Krieg auf die Politik abwälzten.

„Der letzte Kanzler des Kaisers“ beschreibt neben dem unfassbaren persönlichen Schicksal des Prinzen passend zum Jubiläumsjahr 2014 auch die politischen Zustände in Deutschland während des Ersten Weltkriegs. Der Autor zeigt, in vielen Details, dass „die Schlafwandler“ bis zum bitteren Ende nicht mehr wirklich aufgewacht sind. So ist das Buch eine glänzend geschriebene Biografie einer ganzen Epoche. Berthold Merkle

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– Lothar Machtan:
Prinz Max von Baden. Der letzte Kanzler des Kaisers. Suhrkamp

Verlag, Berlin 2013. 670 Seiten, 29,95 Euro.

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