Kultur : Des Königs neue Kleider

Preußen-Prunk: Das Potsdamer Hans-Otto-Theater eröffnet mit „Katte“

Rüdiger Schaper

Man möchte fast den Glauben an das Theater wiederfinden, so schön ist der Tag. So nah ist das neue Haus ans Wasser gebaut. Eine Bühne mit Bootsanleger, wo gibt es das sonst? In Venedig vielleicht, oder in Manaus, am Amazonas. In Kopenhagen, die Oper am Hafen. Und, na gut, in Berlin: Schiffbauerdamm. Hier sind wir aber in der Schiffbauergasse, und die Chance, dass Potsdam eines Tages ein neues Hans-Otto-Theater bekommt, war jahrzehntelang so groß wie die Aussicht auf den Fall der Mauer.

Ein Theaterneubau in der Bundesrepublik, zumal im Osten. Was für ein herrlicher Anachronismus! Der Bundespräsident ist zur Eröffnung gekommen, als stummer Ehrengast. Seine Neuköllner Bildungsrede klingt noch fort. Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, der als einer der Ersten auf die jungfräuliche Bühne ans Mikrofon darf, sagt: „Kultur ist kein Luxus. Kultur ist Grundrecht in einer demokratischen Gesellschaft.“ Auch Uwe Eric Laufenberg, der Intendant, schlägt den Ton eines durch den historischen Moment gedämpften Pathos an. Allein das Theater, ruft er ins Parkett, zeigt, wie wir werden könnten, wie wir sein wollen und was wir wirklich sind.

Bei der Champagnertaufe des Gebäudes will die Flasche erst beim dritten Wurf zerspringen. Die Hände der blonden Taufpatin zittern leicht. Eine gewisse Ehrfurcht verspüren jetzt viele. Laufenberg erinnert daran, dass der Architekt Gottfried Böhm ein berühmter Kirchenbaumeister ist. Wenn man nach oben schaut von den nüchternen Stadthallensitzen, verliert sich der Blick in der schrägen, dunkelrot gefärbten Himmelskuppel des Auditoriums. Dieses Theatergehäuse an der Havel mit seinem Außenleben, in dem manche Palmwedel erkennen, andere Flügel, exponiert sich schon mit höheren Weihen. In der Nacht leuchtet es mit roten Zungen über den See. Drinnen werden zur Einweihung die preußischen Hausgötzen aufgefahren.

Kritische Verbeugung vor den alten Fritzen. Die entsetzliche Geschichte von Katte. Vom Busenfreund des musenverliebten Kronprinzen, den der Soldatenkönig mit barbarischer Gewalt für die Thronfolge zurichtet. Katte wird geköpft, der Prinz muss zuschauen. Kriegertum und Aufklärung, Preußens Doppelkopf: Thorsten Becker schrieb für Potsdams Theaterauferstehung ein gereimtes Weihespiel. Das hat sich ewig kein Autor mehr getraut: gebundene Sprache! Verse! Ein richtiges Restaurationsstück, vergessen Heiner Müllers schroffe, geniale Stenogramme. Becker streckt sich nach Peter Hacks – und klingt wie parodierter Wilhelm Busch.

So zum Beispiel: „Ist alles in der Waage und im Lot/Bin mehr als einverstanden mit dem Tod“. Sagt Leutnant Katte (Moritz Führmann) vor dem Gang zum Schafott. Oder so: „Ein Artikel der besonders wichtig/dass der Glaube an das Fatum richtig.“ Sagt der Pfaffe (Philipp Mauritz), geistlicher Handlanger des Monarchen. Den gibt, als Gast aus der Hauptstadt, Manfred Karge. Knödelmonster, Brecht-Popanz, Preußen-Ubu von Statur: Karge beherrscht die Ironie, die Sprachgewalt, mit der man sich – einigermaßen – die Blümeranz und Biedermeierlichkeit der Becker’schen Reimereien vom Leib halten kann. Auch bei Prinzessin Wilhelmine (Jennipher Antoni) geht das eine Weile gut – das Spiel mit dem falschen Versgeld.

Laufenberg, Regisseur der Uraufführung, schüttet Kitsch-Oper drüber. Bombastische Klänge, martialisches Exerzieren im Bühnenbild von Kaspar Glarner, das die nicht kleinen Dimensionen des Hauses ausprobiert, mit Schloss-Prospekt und Neonbatterien. Von weit hinten kommt ein weißes Pferd herein, ein herrliches Tier mit einem Strick um den Hals, über den es stolpert. Zum Wiehern! Und von wegen Ironie: Der Preußen-Horror eingezuckert mit Pomp und Perücken. Friedrich-schiedlich zu Ende gebracht die Tragödie, auch wenn die Regie noch ein paar MG-Salven krachen lässt.

Zwei Stunden später. Großer Szenenwechsel. Vom Reimeschmieden am Kaminfeuer zur Beziehungskatastrophe am Kühlschrank. Ein neues kanadisches Stück von Fréderic Blanchette: „Sicherheitsabstand“. Wieder geht es um Kinder und Erziehung. Jacqueline Macauly und Tobias Rott spielen ein (sehr junges) Paar in Scheidung. Kein Schimmel, aber zwei Hasen auf der Bühne. Die Regisseurin Petra Luisa Meyer erzählt den Showdown mit leichter Hand. Sieht ein bisschen aus wie Schaubühne. Den stolzen Potsdamern kann es nur recht sein: Auch Berlin hat ein neues Theater. Gleich hinter der Glienicker Brücke.

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