Kultur : DES KÜNSTLERS NEUE KLEIDER: MODE

Nicola Kuhn

Kunst und Mode, das hippe Duo der Neunziger, tritt in dieser Saison noch häufiger auf: Ausstellungen allenthalben, gemeinsames Schaulaufen in den Couture-Hochburgen. Mal kokettieren die Künstler mit der Mode, mal holen sich die Designer den Kick. Auch die Berlin-Biennale setzt darauf, geht es doch um Interdisziplinarität und Vergegenwärtigung des Alltäglichen. Den Erwartungen wird sie allerdings nicht gerecht: Weder findet sich der Glamour, den eine solche Kombination verspricht, noch das Authentische gelebten Lebens. Dort, wo kollektive Erfahrung Ideen greifbar machen könnte, zieht sich die Biennale wieder auf abgehobene Diskursivität zurück. „Risse im gesellschaftlichen und historischen Stoff“ klingt gut, auch das Versprechen, „diese auf neue Art zu vernähen“. Der Hub „Moden und Szenen“ bietet allerdings eine Armada freudloser Schneiderbüsten, denen bedruckte T-Shirts und Plastiksäcke übergezogen sind. Ob das am Thema DDR-Chic liegt? Dabei sollen das Staatliche Modeinstitut der DDR und der Einfallsreichtum der Schneiderinnen daheim keineswegs desavouiert werden. Im Laufe der umständlichen Schneiderpuppen-Lektüre gewinnt man gar den Eindruck, dass Mangel und Restriktion eine besondere Pfiffigkeit evozierte. Nur zu sehen ist davon wenig. Bojan Sarcevics zeigt dafür Klamotten: die beim Job verschmutzte Lieblingskleidung von Arbeitern. Das kommt zwar aus dem Leben, ist aber an Schlichtheit kaum zu toppen. Wie heißt es so schön auf einer Schneiderpuppe:„Bei keinem Gegenstand gehen Gebrauch und Verschleiß ein so endosymbiotisches Verhältnis ein wie bei den uns umgebenden und benutzten Kleidungsstücken." Wir wünschen uns schleunigste Entflechtung des endosymbiotischen Verhältnisses von Kunst, Mode und Soziologie – zumindest zur vorläufigen Rettung der Kunst.

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