Kultur : Des Meisters Seele

Stefan Weihrauch sucht in der Staatsbank seinen Beethoven

Carsten Niemann

So oft hat man uns Freunden frisch komponierter Musik schon völlig neue Klänge versprochen, dass wir zusammenzucken, wenn tatsächlich mal was Unerhörtes passiert. Wie das Erlebte in Worte fassen? Begeistert von den lyrischen Qualitäten des Inhaltsverzeichnisses einer Beethoven-Biografie aus dem Jahre 1928 (die sich zum Ziel gesetzt hatte, „den Seeleninhalt des Meisters zur Darstellung zu bringen“), entwickelte der 1970 geborene Stefan Weihrauch die Idee zu „Hörrohr“. Er näherte sich dem ertaubten Meister mittels Schalmeienensemble und Werkssirenen, schrieb Musik für „reziproke Hörrohre“, die „eher Schwerhörigkeit provozieren denn mildern“ und in ihrer röhrenden Unzeitgemäßheit mannigfaltige Beziehungen zu dem ostigen Gemäuer der einstigen Staatsbank eingehen.

Ein Gag? Dann schreiben Sie mal Musik mit zeitgenössischem Appeal für olle Sozialisten-Tuten, die es zum brachial bejahenden, volkstümelnd verstimmten C-Dur eines laiengerecht beschränkten Acht-Ton-Vorrats zieht! Geleitet von Ines Schrott (sic!) hielten die begeisterten Musiker des „Schalmeienexpress Berlin“ eine völlig unerwartete Spannung zwischen letzten Rülpsern der DDR, clownesk-ernsthaften atonalen Melodiegesten und unwirklichem techno unplugged dröhnender Bassformeln – bis sie ihren Gegenpart, die konzentriert agierende Sängerin Shirin Zareh, endlich tragikomisch übertönten. Dass Weihrauch das „Apokalyptische Fragment“ Karoline von Günderodes als Libretto verwendete, war dann vielleicht doch ein assoziatives Fass zu viel aufgemacht. Der finale Hörsturz wirkte auch so eindrucksvoll genug (vom 16. bis18. Mai, jeweils 21 Uhr).

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