Kultur : Des Messers Schneide

Faustkeile, Pinselhiebe, Sperrholzsplitter: Günther Uecker in der Berliner Akira Ikeda Gallery

Elfi Kreis

Vor einem Jahr eröffnete die japanische Akira Ikeda Gallery ihre Berliner Dependance auf dem ehemaligen Brauereigelände am Pfefferberg. Kanae Ikeda, die Tochter des international agierenden Familienoberhaupts leitet die Galeriefiliale. Unter dem Dach der sorgsam restaurierten Industriearchitektur versammelt sie seitdem klangvolle Namen: Frank Stella, On Kawara, Imi Knoebel und nun Günther Uecker, der neue Arbeiten zeigt. Es ist nicht das erste Mal, dass der Künstler mit dem Familienunternehmen Ikeda, das auch Ausstellungsräume in Taura und New Yor betreibt, zusammenarbeitet. Bereits im Frühjahr 2000 war Uecker während seines dritten Japan-Aufenthalts bei Ikeda zu Gast und konnte die Räume der Galerie in Taura als Atelier nutzen. Die dort entstandenen Arbeiten waren anschließend in Taura und in Nagoya, der Firmenzentrale des Kunstunternehmens zu sehen. In der Berliner Ausstellung werden zwei CDs angeboten, die zu den Werkgruppen „Weißer Vogel“ und „Riss“ entstanden sind. Bei „Weißer Vogel“ kann man Ueckers rhythmischen Nagelschlägen lauschen, und bei „Riss“ ist zu hören, wie er mit der Axt Holz spaltet.

Uecker geht es, wie der Titel eines seiner neusten Bildobjekte eindeutig sagt, um die „Poesie der Destruktion“ (Preise der Arbeiten zwischen 90 000 und 150 000 Euro). Seine Axt hat Scheite zu scharfkantigem Kleinholz zertrümmert, das er auf die Bildtafeln nagelt. Das Werk ist von schwarzen Fahrstreifen bedeckt. Es sind Spuren von Pinselhieben, die auf dem hellen Grund wie verkrustete Blutflecken wirken. Mal haben spitze Steine wie Faustkeile die Holzfläche von hinten durchschlagen, mal weisen die Spitzen langer Zimmermannsnägel aggressiv auf den Betrachter. Uecker hat sie mit einer Wucht durch den Bildgrund getrieben, die das Sperrholz splittern ließ. Die körperlich schweißtreibende, künstlerische Aktion ist seinen Arbeiten einbeschrieben. Ueckers eigener physischer Einsatz ist Dreh- und Angelpunkt seiner Kunst. Realität und Gefühl spiegeln sich in den Überresten der unmittelbaren Handlung.

Zauber der Zerstörung

Das Nageln, ebenso das Spalten von Holz mit der Axt, versteht Uecker als einen Akt der Gewalt und Zerstörung, der symbolhaft für verschiedenste Formen von Gewalt stehen kann. Es ist für ihn zugleich auch eine in konstruktive Bahnen geleitete, schöpferische Kraft. Aus Chaos, Destruktion entsteht eine neue Struktur. Bei Uecker setzen Zerstörung und Gewalt kreative Kräfte frei. Sie haben etwas Befreiendes und stets auch ein wenig Versöhnliches. Die Werke zielen dabei auf universelle Bedeutung. Dass es ihm um Leben und Tod geht, ist nicht zu hoch gegriffen. Im Mittelpunkt steht der zerstörende und zugleich geschundene Mensch. „Spirale“ heißt seine Serie mit neuen Nagelbildern, eine dieser Arbeiten aus dem Jahr 2002 trägt den Untertitel „Schrei“. Dynamische Farbschwünge in schwarz, weiß oder grauem Graphit liefern den Bildgrund. Uecker trägt die Farbe direkt mit den Händen auf. So legt er den Arbeiten eine menschliche Spur als energiegeladene Ausgangsbasis zugrunde. Der Humus des Humanen für jene poetisch-aggressive Bildhauerkunst des plastischen Malens mit Licht und Schatten, die seit den späten Fünfzigerjahren Ueckers Markenzeichen geworden ist. Die Skulpturen „Bogen“ und „Messerskulptur“, das Holz mit in helle Latexfarbe getauchten Leinwandfetzen umwickelt wie Bandagen, ergänzen als Antithese das Ensemble im Hauptraum .

Zwischen Bild und Skulptur

Um die Sehnsucht nach Schutz und Gemeinsamkeit geht es bei der Wandarbeit „Bogen“. Es wirkt auf den ersten Blick wie ein überaus friedliches Bild. Doch dann entdeckt man dessen labiles Gleichgewicht. Im wortwörtlichen Sinn, ganz real stehen Ueckers fragile Konstruktionen „auf Messers Schneide“. Die „Messerskulptur“ dehnt den Spannungsbogen noch weiter: Wie ein Damoklesschwert schwebt die bedrohlich scharfe Klinge eines Fleischermessers über den Köpfen der Galeriebesucher. In einem Zustand gefährdeter Balance befinden sich auch die übrigen Installationen „Hängende Steine“, „Ergeben“ und „Hervorgebracht“.

Uecker ist ein Künstler, der sich der Wirklichkeit stellt. Er mischt sich mit den ästhetischen Mitteln seiner Kunst politisch ein ins Weltgeschehen. Uecker provoziert, stellt gesellschaftlich wie politisch brisante Fragen nach dem Humanen. Im letzten Raum hat er unter dem Titel „Dialog“ Koran-Suren und Bibeltexte gegenübergestellt. „Du sollst deinen Nächsten Lieben wie dich selbst“ heißt es auf der einen, „Und Allah lädt ein zum Haus des Friedens“ auf der anderen Seite. Über beiden Schriftbildern schweben Nagelformationen wie Zeilen in Ueckers ureigenster Nagelschrift. Mit ihnen knüpft Uecker an seine große Installation „Dialog. Zeichen und Schriften“ zum 11. September an. Sie war 2002 im Berliner Paul-Löbe-Haus und anschließend im Passauer Museum Moderner Kunst / Stiftung Wörlen zu sehen. Sie sind wie alle Arbeiten Ueckers Mahnmale. Lebens- und Leidensvisionen, die den Zustand der Welt voller Zwiespalt und Zerrissenheit reflektieren. Eine Welt, in der für den Künstler „das Eigentliche, Menschliche noch lange nicht getan ist“.

Akira Ikeda Gallery Berlin, Schönhauser Allee 176, bis 29. März; Dienstag bis Sonnabend 11-18 Uhr (Galerieferien bis 6. Januar 2003).

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