Kultur : Des Pastors Verbrechen

Günther Grack

In purpurnes Rotlicht getaucht, leuchtet die Fassade des Maxim-Gorki-Theaters, tagsüber preußisch sandgelb, in die Berliner Nacht. Eine lockende Farbe, die auch im Mittelpunkt der Bühne lodert: purpurrot das Tuch, das da, faltenreich, über ein großes Sofa gebreitet ist. Das Polstermöbel beherrscht den im Übrigen nahezu leeren Wohnraum im Landhaus der Frau Alving an einem norwegischen Fjord: Kazuko Watanabe, die japanische Theatermacherin, hat den Schauplatz von Henrik Ibsens "Gespenstern" so klar wie ein Teehaus ihrer Heimat gestaltet. Die Wände russisch grün, der Hintergrund himmelblau, um das Sofa herum ein Geviert aus hellen Laufstegen - kein schummriges Ambiente, das zum Munkeln einlädt; hier lässt sich Tacheles reden. Zu lichten und zu roden ist ein Gespinst von lebenslangen Lügen.

Die "Gespenster" haben in Berlin seit Max Reinhardts Zeiten eine Dauerkonjunktur. Auf Thomas Langhoffs Inszenierung von 1983 im Deutschen Theater, einen klassisch maßvollen Longseller im Repertoire, folgte 1999 in der Volksbühne ein Feuerwerk, frech und frei abgebrannt von dem jungen Regisseur Sebastian Hartmann: Ibsen unverhohlen sexy; schnaubend und stöhnend fiel man übereinander her, das prüde 19. Jahrhundert ein Sodom und Gomorrha. Eine Lust an der Provokation, die Kazuko Watanabes Sache nicht ist; nachdem sie für eine Frankfurter Neuenfels-Inszenierung der "Gespenster" 1976 die Kostüme entworfen hat, stellt sie sich jetzt in ihrer eigenen Regiearbeit ganz in den Dienst einer liebevoll sensiblen Schauspielerführung.

Im Zentrum ihres Interesses steht das Paar ihrer Generation, aus dem ein Liebespaar nicht hat werden dürfen oder wollen: Pastor Manders (Burghart Klaußner) und Helene Alving (Barbara Nüsse). Der Pastor und seine Jugendfreundin, die vergeblich versucht hat, aus einer höllischen Ehe zu ihm zu flüchten, bekommen es nun abermals miteinander zu tun - in zwei Szenen, die sich um die Erkenntnis gruppieren, dass sich das Schicksal des gottlob verstorbenen Kammerherrn Alving in der jungen Generation wiederholt. Frau Alvings Sohn Osvald macht sich an das Dienstmädchen Regine heran, so wie sein Vater es mit Regines Mutter getan hat; Osvald weiß freilich noch nicht, dass Regine seine Halbschwester ist. Ehe Manders und Helene Ohrenzeugen dieses Vorfalls werden, meint der Pastor seiner alten Freundin wegen ihres Verhaltens in der Ehekrise die heftigsten Vorwürfe machen zu müssen: Burghart Klaußner, im hochgeschlossenen schwarzen Habit des Geistlichen, zeigt dabei starkes emotionales Beteiligtsein, nach Luft ringend, den Tränen nah, während Barbara Nüsse starr vor sich hinblickt; erst nach einer lastenden Pause beginnt es in ihrem Gesicht zu arbeiten, bevor sie die Kraft findet, ihm Contra zu geben. Ihre Aggression verkehrt sich dann, nach der Osvald-Regine-Szene, in ein hemmungsloses Anlehnungsbedürfnis; derart schluchzend klammert sich die Frau im tiefdekolletierten rosa Seidenkleid an den Gottesmann, dass der nicht umhin kann, seine Scheu zu überwinden und den Arm um sie zu legen. Was er, im Rückblick auf seine Zaghaftigkeit, einen "Sieg über mich selbst" genannt hat, war für sie "ein Verbrechen an uns beiden" - eine fatale Konstellation, die Klaußner und Nüsse anrührend deutlich machen.

Jacqueline Macaulay ist eine Regine, die mit unverblümter Härte ihren eigenen Lebensweg gehen will, Ulrich Anschütz ihr Stiefvater Engstrand, ein dermaßen scheinheiliger Filou, dass soviel Chuzpe schon wieder Sympathie verdient. Ein Bündel nervöser Impulsivität: Fabian Krüger als Osvald, hager, fahl, vom nahenden Wahnsinn gebeutelt; mal kratzt er barsch das Cello, mal rennt und springt er im Quadrat. Am Ende schließt er, hilfeflehend, die Hände um den Kopf der Mutter, knetet ihr Wangen und Mund, und Barbara Nüsse hält die Tortur aus - ein Finale, das allen Beteiligten, uns Zuschauer eingeschlossen, an die Nerven geht, und so soll es auch sein.

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