Kultur : Des Teufels Chirurgen

Der Dokumentarfilm „Mission des Grauens“

Kai Müller

Sie kamen als Botschafter der Humanität und wurden Komplizen des Teufels. Auf diese gewiss etwas drastische Formel kann man das düstere Kapitel der Schweizer Neutralität im Zweiten Weltkrieg bringen, dem sich der Filmemacher Frédéric Gonseth in „Mission des Grauens“ widmet. Ende 1941 schickte das Schweizer Rote Kreuz eine Abordnung eidgenössischer Mediziner und Krankenschwestern an die Ostfront. Der deutsche Vormarsch kam zum Erliegen, als die zutiefst von ihrer Unbefangenheit überzeugten Ärzte in Smolensk eintrafen, um „allen Verwundeten“ des Konflikts zu helfen. Ein fataler Trugschluss. Denn die freiwillige Abordnung wurde ohne Umschweife in die Wehrmacht integriert und übernahm Aufgaben von Sanitätseinheiten, die an die Front geschickt worden waren: Die Humanitätspioniere wurden Zeugen von Verbrechen, hinter denen sich die Umrisse eines Vernichtungskrieges abzeichneten. Und sie behielten es für sich.

Bis heute wird in der Schweiz über die politische Bedeutung der vier RotKreuz-Gesandtschaften von vor 63 Jahren nicht geredet. Dass sie einen „Beitrag zur Verbesserung der Beziehungen zur führenden Macht Europas“ darstellten, wie Botschafter Hans Fröhlicher in Berlin sagte, gilt auch heute noch als wenig ehrenrührig. Frédéric Gonseth schildert das menschliche Drama, das in dem späten Eingeständnis eines Beteiligten gipfelt: „Meine Pflicht als Arzt, als Mensch, ich habe sie nicht erfüllt.“ Es ist ein umsichtiger Erinnerungsfilm entstanden, eine behutsame Annäherung an etwas, dem sich die Zeitzeugen bislang verschlossen haben. Rührend zu sehen, wie in alten Notizbüchern geblättert wird, Uniformmützen und -gürtel hervorgekramt werden. Erstaunlich, wie alle Ostfront-Fahrer bezeugen, dass auf ihren Uniformen das Rote Kreuz, das Sinnbild des Guten, geprangt habe, während Fotos belegen, dass es das Schweizer Kreuz war. Eingeschüchtert von dem Ausmaß der Verachtung gegenüber den russischen „Untermenschen“, haben die Eidgenossen ihre Mitwirkung an dem Massaker einfach verdrängt.

Man kann das sogar verstehen. Die kultivierten Damen und Herren hatten nach jeder Schlacht genug mit den Amputations- und Wundbrandwellen zu tun. Und wer wollte ihre Geschichten daheim schon hören? Gonseth hat ein Lehrstück über die Naivität von guten Demokraten gedreht, die glaubten, keine Wahl zu haben.

In Berlin im fsk am Oranienplatz

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